Das Risiko mit Walace

Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Als Problemprofi wurde Walace beim Hamburger SV aussortiert – bei Hannover 96 ist der Brasilianer Königstransfer und Hoffnungsträger. Die Verpflichtung des 23-jährigen Mittelfeldakteurs ist für viele Beobachter zum Scheitern verurteilt – birgt aber auch große Chancen für beide Seiten.

Rund sechs Millionen Euro ließ sich 96 die Dienste des Olympiasiegers von 2016 kosten – damit ist Walace bislang der teuerste Neue dieses Sommers. Und das, obwohl er in der abgelaufenen Saison beim Bundesliga-Absteiger HSV eine mehr als unrühmliche Rolle spielte. Zwar stand er in 18 von 34 Ligaspielen auf dem Platz, in den seltensten Fällen produzierte er aber sportliche Schlagzeilen. Ständige Wechselgerüchte ob der unbefriedigenden Reservistenrolle bei den Hanseaten begleiteten die Saison, dazu kamen wiederkehrende Undiszipliniertheiten. Unter anderem verlängerte Walace im Winter eigenmächtig seinen Urlaub und postete während eines Spiels private Fotos in den sozialen Medien anstatt die Mannschaft von der Tribüne aus zu unterstützen. Im März zog Trainer Christian Titz kurz nach seiner Amtsübernahme die Reißleine und suspendierte das Mittelfeldtalent „wegen mehrerer Vorfälle“, wie er damals mitteilte.

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Einen Neuanfang wagt Walace nun beim „kleinen HSV“ weiter südlich. Im hannoverschen Umfeld bleibt die Befürchtung, dass der Brasilianer seine Einstellungsprobleme nicht überwunden hat. Dass die sportlichen Vorzüge des robusten Technikers für 96 einen Qualitätsgewinn darstellen, ist dagegen unstrittig. Zumal Breitenreiter in seinem System ohne Zehner im zentralen Mittelfeld neben dem Strategen Pirmin Schwegler genau den Typ offensiv denkender „Achter“ gesucht hat wie Walace ihn verkörpert. „Natürlich versprechen wir uns viel von Walace“, meinte Breitenreiter laut Kicker. „Er ist ein Spieler mit großer Qualität und hat schon für die Nationalmannschaft Brasiliens gespielt. Das schafft auch nicht jeder. Von daher hoffen wir, dass er zurück in die Spur findet und uns hilft.“

Breitenreiter: „Er ist ein einfacher Junge“

Die Hoffnung ist mit einigen Fragezeichen versehen, ohne die üppig gefüllte Skandalakte beim HSV wäre Walace für den Tabellen-13. der abgelaufenen Spielzeit allerdings auch nicht bezahlbar gewesen. Und der mit Skepsis empfangene Neuzugang möchte offenbar gleich einen guten Eindruck hinterlassen. Schon zwei Tage vor dem offiziellen Trainingsbeginn legte er Extraschichten auf der Mehrkampfanlage ein. Sein Image als zur Lustlosigkeit neigende Ich-AG will er schnellstmöglich hinter sich lassen. Breitenreiter gibt sich zuversichtlich, dass Walace keine Probleme bereiten wird. „Ich habe mich mit ihm getroffen und einen guten Eindruck gehabt. Sportlich stehen seine Qualitäten ohnehin nicht infrage. Er ist ein einfacher Junge, der gut Fußball spielen möchte“, berichtete er.

Für Hannover könnte das Geschäft mit Walace ähnlich wie der Rekordtransfer Jonathas, der nach einem enttäuschenden ersten Jahr leihweise zurück nach Brasilien geht, als teures Missverständnis enden. Im Optimalfall gelingt es dem Mittelfeldakteur, sein großes Potenzial, das er in Hamburg vereinzelt angedeutet hat, konstant abzurufen. Dann würde sich Walace zur Goldgrube für die „Roten“ entpuppen, denn das Marktwertpotenzial des zweifachen brasilianischen Nationalspielers ist immens. Gemessen wird der Erfolg der Verpflichtung an den sportlichen Auftritten Walaces – und an dessen Sozialverhalten gegenüber Team und Verein.