Der Griff nach dem fünften Stern

Am Dienstagmittag um 13 Uhr startet für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft die Mission Titelverteidigung. Bundestrainer Joachim Löw versprüht im Vorfeld trotz diverser Probleme den gewohnten Optimismus.

„Ich bin in freudiger Erwartung“, sagte der 58-Jährige vor dem Abflug. Er steige in Frankfurt aber auch mit „einer gewissen Demut vor der Schwere der Aufgabe“ in den Flieger mit der Nummer LH 2018, betonte der Bundestrainer. Das liegt an der Bürde des Weltmeisters. Der, weiß Löw, werde vom ersten Spiel am Sonntag (17 Uhr) in Moskau gegen Mexiko an „besonders gejagt. Jede Mannschaft will unbedingt den Titelverteidiger stürzen.“ Das liegt aber auch am Ballast, den die Mannschaft mit nach Watutinki nimmt: Sportlich, wegen der nicht enden wollenden „Erdoğan-Affäre“ aber auch atmosphärisch.

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Im Bemühen, die leidigen Foto-Diskussionen zu beenden, sprang Löw sogar Angela Merkel bei. Die Bundeskanzlerin warb um Nachsicht mit Mesut Özil und İlkay Gündoğan, beide hätten „nicht bedacht, was das Foto auslöst mit dem Präsidenten Erdoğan“, sagte sie in der ARD-Talkshow Anne Will. Merkel appellierte an die rund 100.000 in Russland erwarteten deutschen Fans, auch das Duo zu beklatschen. Löw will nicht zu viel Energie für dieses Thema verschwenden, will alles dem Griff nach dem fünften Stern unterordnen. „Zum wiederholten Male Weltmeister zu werden, bedeutet mir natürlich viel. Das wäre etwas Historisches“, sagte er. Nur Italien 1938 und Brasilien 1962 haben ihre Titel verteidigt.

Ein ganzes Rudel gieriger Gegner

Umso mehr sieht sich Löw gefordert, seinem Team mit neun Helden von 2014 um Kapitän Manuel Neuer „zu vermitteln, was auf sie zukommt“ – ein ganzes Rudel gieriger Gegner. „Die anderen Mannschaften sind seit 2014 besser geworden“, sagte Löw, das gelte für Frankreich, Spanien, Brasilien oder auch Argentinien. „Man muss von Anfang an und in jedem Spiel eine Top-Leistung abrufen, hellwach und voll konzentriert sein, darf sich keine Schwäche leisten“, forderte Löw. Ansonsten „kann man auch schnell nach Hause fahren“, ergänzte er. Schon die Auftakthürde ist hoch. Löw sieht Mexiko als „schwersten Gegner“ in Gruppe F, aus der noch nie ein Weltmeister hervorging. Danach warten mit Schweden (23. Juni in Sotschi) und Südkorea (27. Juni in Kasan) ebenfalls „unbequeme Mannschaften“, wie der Bundestrainer zu berichten weiß.

Das hätten Österreich (1:2) und Saudi-Arabien (2:1) in der Vorbereitung nicht sein sollen, dennoch tat sich die DFB-Auswahl schwer. Löw will in den fünf Tagen in Watutinki vor dem Auftakt vor allem mannschaftstaktisch arbeiten lassen. Titelreife soll seine Elf, in der mit dem noch angeschlagenen Mesut Özil acht Weltmeister gesetzt sind, im Turnierverlauf erlangen. Löw sieht auch in Sachen Teamgeist gute Voraussetzungen, „weil sich unsere Mannschaft gut kennt und wir eine starke Achse haben, die die Mannschaft anführt“. Allerdings gelte es, in Watutinki auch eine „Gewinnermentalität“ zu formen. „Es ist wichtig, wie wir dem Druck begegnen und wie leidensfähig und diszipliniert wir sind“, sagte Löw. Sollte im WM-Puzzle nur eines dieser Details fehlen, dann sei Deutschland nur „eine durchschnittliche Mannschaft“.

(sid)