Die Hamburger Selbstzerfleischung

Nach der 0:6-Niederlage beim FC Bayern München am vergangenen Samstag scheint der Hamburger SV endgültig auseinander zu fallen. Der komplette Klub ist verunsichert, die Zuversicht beinahe aufgebraucht. Die diversen Schuldzuweisungen nach der Partie in München sind ein weiteres Symptom des Hamburger Zerfalls.

Dabei hätte die Saison so erfolgreich verlaufen können. An den ersten beiden Spieltagen war der HSV siegreich gewesen, nach der zweiten Partie grüßten die Norddeutschen sogar vom dritten Tabellenrang. Doch bereits der Kreuzbandriss, den Nicolai Müller beim Jubel über sein Siegtor zum Saisonauftakt gegen den FC Augsburg (1:0) erlitt, wirkt in der Retrospektive wie ein schlechtes Omen. Nur zwei weitere Siege gelangen den Hanseaten nach dem zweiten Spieltag. Seit 13 Spielen konnten die „Rothosen“ keinen Erfolg mehr feiern. Die Probleme ziehen sich, wie schon in den vergangenen Jahren, durch alle Ebenen des Klubs. Doch in dieser Spielzeit ist der Absturz wohl nicht mehr abzuwenden.

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Die 0:6-Pleite in München scheint dem HSV den Stecker gezogen zu haben. Übungsleiter Hollerbach wurde auf den Tag genau sieben Wochen nach seiner Vorstellung wieder entlassen. Noch direkt nach dem Spiel betonte der 48-Jährige die Verunsicherung innerhalb des Teams aufgrund der kurzfristigen Freistellungen von Vorstandschef Heribert Bruchhagen und Sportdirektor Jens Todt am Donnerstag und kritisierte damit indirekt die Entscheidungen. Nur zwei Tage später musste er selbst seinen Posten räumen. Der Hamburger Vorstand hatte sich vom Coach offenbar kritische Worte an die Mannschaft gewünscht, stattdessen nahm Hollerbach seine Profis eher in Schutz.

Schuldzuweisungen quer durch den Verein

Der neue Übungsleiter ist Christian Titz. Die Beförderung des U21-Trainers zu den Profis mutet wie das Eingeständnis des Abstiegs an, verkleidet als letzter Strohhalm der häufig betonten Restchance. Der 46-Jährige ist im Profifußball ein unbeschriebenes Blatt und kommt aus dem eigenen Nachwuchsbereich. Es scheint als fungiere Titz gar nicht als Retter, sondern als der Mann, unter dem die Mission direkter Wiederaufstieg angegangen werden soll. Offiziell erhofft sich Interims-Vorstandschef Frank Wettstein vom neuen Coach allerdings einen Impuls für die restlichen Saisonspiele. „Wir werden nichts unversucht lassen, sonst hätten wir den aktuellen Trainerwechsel auch nicht genau jetzt vollzogen“, erklärte er.

Der Anflug von Resignation hat nicht nur die Führungsriege befallen, sondern auch die Spieler. Kyriakos Papadopoulos kritisierte die Verantwortlichen der Kaderzusammenstellung für die fehlende personelle Aufstockung in der Winterpause und stellte damit auch die Qualität der jetzigen Mannschaft in Frage. Stürmer Sven Schipplock nahm sich die eigenen Teamkameraden zur Brust. „Viel schlimmer als gegnerische Fan-Gesänge ist die Einstellung bei einigen von uns. Keine Ahnung, wie so etwas möglich ist“, schimpfte der 29-Jährige nach der Partie bei den Bayern gegenüber dem NDR. Die Profis waren mehr mit Erklärungen und der Kritik an anderen als mit Kampfansagen beschäftigt. Der Prozess der schleichenden Hamburger Selbstzerfleischung scheint seinem Höhepunkt entgegen zu steuern.

Misserfolg aufgrund flächendeckender Verunsicherung

Neben der sportlichen Misere der Spieler bröckelt nun auch der Zusammenhalt und der Kampfgeist innerhalb des Vereins. Papadopoulos sprach nach der Klatsche beim Rekordmeister davon, dass die Mannschaft sich „in die Hose gekackt“ hätte. Die Verunsicherung ist im gesamten Klub spürbar, vom Vorstand über die sportlichen Verantwortlichen bis hin zu den Spielern auf dem Platz. Die Möglichkeiten der Hamburger sind auf Trainerwechsel und Durchhalteparolen beschränkt. Und in dieser Saison scheint das einfach nicht genug zu sein. Die Lichter in der Hansestadt gehen langsam aus. So versinkt der letzte überlebende Bundesliga-„Dino“ weiter im Chaos und wird ohne ein Wunder schließlich aussterben.