Dirigenten der Dreisamkeit

Im Schatten des großen FC Bayern München geht manchmal das Alltagsgeschäft der Bundesliga unter: die Taktik. Während Mehmet Scholl noch auf den nächsten Dribbler wartet, arbeitet die Liga fleißig an ihrer Defensive. Und das mit alten Methoden im neuen Gewand.

Für jeden halbwegs professionellen Fußballer ist es eine Gewissensfrage: Dreier- oder Viererkette? Während sich die meisten Hobbysportler wohl eher mit Grauen an einen laufintensiven Sonntagnachmittag zurückerinnern, ist die Abwehrreihe aktuell wieder ein hoch priorisiertes Thema in deutschen Taktikschulungen. Nicht erst seit Pep Guardiola ist die Dreierkette wieder ein gern genutztes Mittel. Bis auf Bayern und Leipzig spielte in dieser Saison bereits (nahezu) jedes Team mit dieser Formation, Gladbach wird wohl am kommenden Spieltag erstmals mit Dreierabwehr agieren.

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Doch wie hat sich dieser Wandel ergeben? „Die Dreierkette, die in der Defensive meist zu einer Fünferkette wird, ist ein Hilfsmittel für stabilere Abwehrarbeit. […] Zudem kann man mit einem 3-5-2 mit zwei klaren Mittelstürmern spielen. Dies scheint zurzeit für die Trainer ein Vorteil gegenüber den bisherigen Formationen zu sein“, sagte zum Beispiel Frank Wormuth, Leiter der Fußball-Lehrer-Ausbildung des DFB, im Interview mit Spox. Gerade die Dichte im Zentrum ist für ihn ein Argument pro Dreierkette, da der gegnerische Angriff sich so nach außen schieben lässt.

Alles wiederholt sich

Die Dreierkette ist indes keine völlige Neuerfindung. Sie orientiert sich an der früheren Libero-Verteidigung, wurde bei entsprechender Mannstärke auch schon in den 70ern praktiziert. „Die Geschichte des Fußballs zeigt, dass alles wieder kommt, nur eben in unterschiedlichen Gewändern. Jetzt haben wir die Dreierkettenphase wieder, nur flacher als zur Franz-Beckenbauer-Zeit“, fügte Wormuth an. Mit dem bereits angesprochenen Guardiola kehrte die Dreierkette wieder zurück nach Deutschland. Der Katalane schulte seine Spieler eingehend auf die taktischen Anforderungen seines Systems und machte so alle seine Mannschaften zu Titelkandidaten.

Trotz neuer und auch variabler Taktiken sowie Trainer im deutschen Fußball, wird aber auch vielerorts eine sinkende Qualität bemängelt. Unkonzentriertheiten im Spielaufbau oder klärende Flügbälle aus der Abwehr heraus, viele Zuschauer vermissen ein kontrolliertes Kombinationsspiel, die Paradedisziplin der Guardiola-Teams. „Durch dieses extreme ‚Unter-Druck-setzen‘ des Ballführenden, das sich nicht nur in der Bundesliga etabliert hat, haben die Spieler kaum noch Ruhe am Ball. Dies führt eben zu schnellen Flugbällen in die gegnerische Hälfte, in der dann das Gegenpressing für die Rückeroberung des Balles genutzt wird“, sagte Wormuth. „Leverkusen unter Roger Schmidt und Leipzig unter Alexander Zorniger hatten ja ständig diese Spielidee. Für Guardiolas Schule braucht man elf sehr spielstarke Spieler, die diese Fähigkeit auch unter Druck abrufen können. Das haben eben nicht alle Vereine in der Bundesliga.“

Trainer haben kurze Beine

Dabei wird wieder die Diskrepanz innerhalb der Liga deutlich und der Ruf der Vereine nach höheren Einnahmen verständlich. Ein intelligentes System bedarf intelligenter Spieler, diese sind auf einem übersättigten Markt aktuell sehr teuer. Ein schwieriges Unterfangen für Verein und Trainer. Doch warum wird der Trainingsfokus nicht gerade deshalb auf die kontrollierte Offensive gelegt, wie es auch Guardiola tut? „(Das) ist dem Druck von außen geschuldet, weil die Trainer nach ein paar Niederlagen in Serie sofort auf der Abschussliste stehen. Das tut dem Fußballspiel natürlich nicht gut. Ich weiß von einigen meiner Ex-Schüler, dass sie sehr gerne auch anders spielen lassen würden, aber am Ende zählt in unserem Land eben nur das nackte Ergebnis“, bemängelt Wormuth.

So ist die Dreierkette mittlerweile zum Synonym für aggressives Verteidigen und schnelles Umschalten geworden, was aber nicht als Indikator für ihre Qualität gesehen werden darf. Der FC Bayern spielt unter Jupp Heynckes wieder klassisch in der Viererabwehr, verlor dabei in der Bundesliga ein Spiel und kassierte nur sieben Gegentore in zwölf Partien unter dem Altmeister. Exakt die gleiche Anzahl an Gegentoren, wie in den vorangegangen Spielen unter Ancelotti. Entscheidend für den Erfolg sind die Spieler. Und eine gehörige Portion Geduld.