Erdoğan-Affäre: Müller kritisiert die mediale Darstellung

Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images

Für Nationalspieler Thomas Müller sind in der Aufarbeitung der Erdoğan-Affäre um Mesut Özil und İlkay Gündoğan viele Fehler begangen worden. Dabei räumt er allen Beteiligten eine Teilschuld ein, sieht das große Problem allerdings in der öffentlichen Darstellung.

„Die Debatte wird von außen befeuert. Sicherlich haben die Protagonisten auch keine glückliche Rolle abgegeben – egal ob aufseiten des Verbandes oder die Spieler selbst“, sagte Müller im Trainingslager des FC Bayern München in Rottach-Egern. Der 28-Jährige bezeichnete das Thema zudem „als heuchlerische Diskussion, die von den Medien mitgetragen wird.“ Er finde es alarmierend, „dass wir so ein Thema – auch beim Merkel/Seehofer-Zwist – genüsslich ausbreiten und uns dann wundern, dass die Gesellschaft gespalten ist und wir einen Scherbenhaufen haben.“ Müller kritisierte, dass man immer versuche, „Störfeuer zu finden und sie breit zu treten. Wir müssen alle ein bisschen vor der eigenen Haustür kehren.“

- Anzeige -

Özil und Gündoğan hatten Mitte Mai mit dem umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in London für ein gemeinsames Foto posiert. Nach dem Vorrunden-Aus bei der WM in Russland war Özil nach 92 Länderspielen aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Der Spielmacher des FC Arsenal hatte in seiner dreiteiligen Rücktrittserklärung Rassismus-Vorwürfe gegen den DFB und dessen Präsidenten Reinhard Grindel erhoben. „Von Rassismus in der Nationalmannschaft kann keine Rede sein“, sagte Müller.

Rummenigge: „Thomas ist jetzt gefordert“

Der Offensivspieler selbst ist in der neuen Saison noch mehr gefordert. Die Münchner Verantwortlichen erhöhen bereits den Druck. Müller muss zeigen, dass das wenig erfolgreiche vergangene Jahr nur eine Ausnahme war. Seine Motivation sei „riesig“, sagte der Angreifer des Rekordmeisters im Trainingslager am malerischen Tegernsee entsprechend. Doch viel Zeit für die traumhafte Kulisse am Wallberg hat Müller dieser Tage nicht. Vielmehr wollen er und seine Kollegen aus der Nationalmannschaft nach der Enttäuschung bei der Weltmeisterschaft in Russland zeigen, „wie wir es besser können.“

Zumal die Erwartungshaltung an den Rechtsaußen hoch ist. „Wir brauchen Thomas Müller in bester Verfassung. Er ist für unseren Klub sehr wichtig, ein Parade-Bayer“, sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge in dieser Woche der Sport Bild. Gleichzeitig erhöhte er den Druck auf Müller. Der Fußball sei eine „Hochleistungsgesellschaft. Da musst du top sein“, meinte Rummenigge. „An seiner Qualität gibt es keinen Zweifel. Aber wie für alle Nationalspieler gilt auch für Thomas: Er ist in der kommenden Saison sehr gefordert.“ Deshalb müsse nun vor allem Trainer Niko Kovač daran arbeiten, „dass wir Thomas auf das Niveau kriegen, auf dem er ohne Frage schon Weltklasse-Leistungen gezeigt hat“.

„Abstand vom Wanderzirkus mit Ball“

Ganz so schlecht wollte Müller sein vergangenes Jahr ohnehin nicht gewertet wissen. „Wenn man der beste Vorlagengeber der Liga ist und acht Tore erzielt hat, dann weiß ich nicht, ob man von einer persönlich schwachen Saison sprechen kann“, sagte er. Müller weiß allerdings auch, „dass das Bild vielleicht ein anderes ist, weil Fußball ein Ergebnissport ist“. Und die Ergebnisse stimmten eben nicht: Mit der Nationalmannschaft erlebte Müller das desaströse Vorrunden-Aus, mit den Bayern scheiterte er im Halbfinale der Champions League an Real Madrid und verlor das Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt.

Deshalb wollte er nach den „herben Enttäuschungen“ in den vergangenen Wochen auch „nur abschalten. Ich wollte Abstand von diesem ganzen Schauspiel, von diesem Wanderzirkus mit Ball. Es hat gut getan, durchzuatmen.“ Und jetzt ist Müller wieder bereit. Er schaut auch nicht mehr zurück: „Ich lebe nach vorne.“ Und das tut er mit klaren Vorstellungen, was auch seine Position beim FC Bayern in der dicht gedrängten Offensive betrifft. „Ich bin im Halbraum zuhause, ich sehe mich auf einer offensiven Mittelfeldposition“, sagte Müller. „Dann ist auch mein Input für die Mannschaft deutlich besser.“

(sid)