Kein Bruderduell: „Es ist bitter und tut schon sehr weh“

Der Ausfall des Bruderduells schmerzt Jérôme Boateng sehr. Vielleicht sogar mehr als die Muskelverletzung, die ihn beim Pokalfinale zum Zuschauen verdammt. Er hätte mit seinem Bruder Geschichte schreiben können.

„Ich glaube nicht, dass das mal wieder vorkommt, dass zwei Brüder in ihrer Heimatstadt im Endspiel gegeneinander antreten würden“, sagte der Innenverteidiger von Bayern München. „Es ist bitter und tut schon sehr weh.“ Während der Ältere der beiden gebürtigen Berliner bereit ist für das große Spiel am Samstag (20 Uhr) in Berlin, schuftet Jérôme für die rechtzeitige Genesung zur WM-Endrunde in Russland. Er fehlt – seinem Bruder bereitet das Kummer und Freude zugleich.

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„Ich bin natürlich sehr traurig drüber. Ich hatte davon geträumt, dass ich gegen meinen Bruder im Finale in unserer Heimatstadt Berlin spielen kann“, sagte Kevin-Prince. Mit einem Augenzwinkern schob der Führungsspieler von Eintracht Frankfurt im Spiegel-Interview nach: „Damit haben wir auch bessere Chancen. Denn ohne Jérôme sind die Bayern ein bisschen schwächer, er ist einer der besten Innenverteidiger der Welt.“ Und das hat Jérôme demnach auch seinem großen Bruder zu verdanken. Denn ganz egal, ob die beiden nun gemeinsam auf einem Bolzplatz im Problemviertel Wedding kickten oder sich im Urlaub zankten, „Jérôme hat gelernt, seine Ellenbogen auszufahren“, sagte Kevin-Prince.

Eine ganz normale, intelligente Familie

Vielleicht ist seine Entwicklung, dem einstigen „Bad Boy“ und heutigen Bundesliga-Musterprofi, auch deshalb einen Tick beeindruckender. Der ghanaische Vater verließ die Familie früh für eine andere Frau – Jérômes Mutter. Auf und neben dem Platz schlugen ihm rassistische Beleidigungen entgegen, weshalb er sich auch heute noch gegen Diskriminierung einsetzt. Und im Fußball, der eigentlich als Zuflucht dienen sollte, lief ebenfalls längst nicht alles nach Plan. Nachdem er 2007 Hertha BSC in Richtung England verlassen hatte, freundete sich Boateng mit den Falschen an. „Die Leute zu bekommen ist einfacher, als sie loszuwerden“, betonte er rückblickend. In der Zeit bei Tottenham Hotspur lieferte Boateng negative Schlagzeilen, die übelsten Erfahrungen aber sollten beim FC Portsmouth erst noch folgen.

„Das war der Wendepunkt in meiner Karriere. Ich wollte mich nicht beschimpfen und fertigmachen lassen“, sagte Boateng über die Reaktionen auf das Foul am damaligen DFB-Kapitän Michael Ballack, den Boatengs Grätsche die Teilnahme an der WM 2010 kostete. Auch der Kontakt zu Jérôme brach in dieser Zeit völlig ab, mittlerweile ist die Funkstille längst beendet. „Wir sind eine ganz normale, intelligente Familie. Deshalb wissen wir: Nach Krieg kommt Frieden“, sagte Kevin-Prince.

(sid)