Kroos: „Sind nicht so gut, wie einige von uns denken“

Das Testspiel gegen Rekordweltmeister Brasilien dient der deutschen Nationalmannschaft im Nachhinein vor allem als Warnung. Toni Kroos wählte scharfe Worte für seine Mitspieler, Bundestrainer Joachim Löw beschwichtigte.

„Wir hatten einige Spieler auf dem Platz, die die Möglichkeit hatten, sich zu zeigen auf diesem Niveau“, sagte Mittelfeldspieler Kroos nach der ersten Niederlage seit fast zwei Jahren. „Das haben sie nicht getan.“ Sieben Wochen vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders am 15. Mai in Dortmund drängte sich gegen eine keinesfalls herausragende Seleção keiner aus der zweiten Reihe auf. Ihm habe „alles“ missfallen, richtig „geärgert“ habe er sich über die dilettierenden Kollegen. „Wir haben uns abkochen lassen“, moserte Kroos im ZDF weiter, „und mal gesehen, dass wir doch nicht so gut sind, wie uns immer eingeredet wird oder wie vielleicht auch einige denken von uns. Das war deutlich zu wenig von vielen.“

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Diejenigen, die sich angesprochen fühlen mussten, widersprachen nicht. „Das sollte für uns ein Warnsignal sein“, sagte etwa İlkay Gündoğan. Die erste Niederlage seit dem EM-Halbfinale 2016 gegen Frankreich (0:2) sei vielleicht „ein notwendiger Weckruf“, ergänzte er. Julian Draxler meinte: „Toni hat recht, die Alarmglocken angehen zu lassen.“ Aber, fügte er an: „Ich sehe für die WM nicht schwarz.“ Damit traf er Löws Gemütslage. Zunächst aber legte auch der Bundestrainer eine lange Mängelliste vor: einfache Ballverluste, schlechte Raumaufteilung, schwaches Umschaltspiel und Zweikampfverhalten, unzulängliche Körpersprache. Kevin Trapp im deutschen Tor sei von den Vorderleuten „allein gelassen“ worden.

Löw macht sich keine Sorgen, Entwarnung bei Boateng

Aber Sorgen Richtung WM? „Nein“, sagte Löw, „mir bereitet eigentlich kaum was große Sorgen, weil ich weiß, dass die Mannschaft zu ganz anderem fähig ist.“ Also: seine erste Mannschaft, in der höchstens zwei Positionen vakant sind. Die des Linksaußen, um die sich Draxler, der am Dienstag schwache Leroy Sané und der diesmal nicht nominierte Marco Reus streiten. Und die des Torwarts angesichts der Verletzung von Kapitän Manuel Neuer. Die Jungen, sagte Löw, werden aus diesem dunklen Auftritt „Lehren ziehen“. Etwa Sané, der „nicht ganz so schnell in die Höhe schießt, wie das manche denken“. Um bei der WM dabei zu sein, müssten seine Kandidaten neben Leistung, Gesundheit und Rhythmus auch Teamfähigkeit besitzen, sagte er. „Jeder muss für einen Moment bereit sein. Egoismen sind da weniger gefragt“, betonte Löw.

Entwarnung gab der Bundestrainer bei Jérôme Boateng. Der Innenverteidiger hat sich offenbar nicht schwerer verletzt. „Ich glaube, dass es nicht ganz so schlimm und nichts gerissen ist“, sagte Löw. Boateng, der in seiner Geburtsstadt erstmals von Beginn an die Kapitänsbinde trug, musste nach einem Tritt auf die rechte Achillessehne zu Beginn der zweiten Halbzeit mehrere Minuten behandelt werden. Er humpelte zurück aufs Spielfeld, wurde aber später durch Niklas Süle ersetzt.

(sid)