Nach 50+1-Pleite: Kind am Scheideweg

Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images

Martin Kinds Antrag auf Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel wurde von der DFL abgeschmettert. Der Präsident von Hannover 96 kämpft nun nicht nur um die Realisierung seines Lebensziels, 96 unabhängig von 50+1 zu machen, sondern auch um seine Glaubwürdigkeit.

Am Mittwoch machte es Hannover 96 offiziell: Nach dem abgelehnten Antrag auf Ausnahmegenehmigung reichte der Bundesligist Klage beim Ständigen Schiedsgericht für Vereine und Kapitalgesellschaften der Lizenzligen ein. Nachdem die DFL ihm Mitte Juli das Recht absprach, die Mehrheitsanteile an der Hannover 96 Management GmbH zu übernehmen, beschreitet Kind jetzt den Rechtsweg mit dem Ziel, 50+1 komplett zu kippen. Als „unverständlich und rechtsirrig“ bezeichnete 96 die Entscheidung der DFL in einer Pressemitteilung. Für Kind bedeutete die Abfuhr durch den Verband einen herben Rückschlag. Schon seit knapp einem Jahr wartet der 96-Boss darauf, dass ihm die Ausnahme von der 50+1-Regel dank seines 20-jährigen Engagements in Hannover gewährt wird. Doch die DFL stellt sich quer: Die Bedingung der „erheblichen Förderung“ habe Kind nicht erfüllt, zu wenig soll er in den 20 Jahren bei 96 investiert haben.

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Die Ablehnung des Antrags war Wasser auf die Mühlen der Kind-Kritiker, die an der Spendierfreude des Klub-Bosses gezweifelt haben. Deutlich mehr als die notwendigen 46 Millionen Euro – die eingenommene Summe durch die Hauptsponsoren in den vergangenen 20 Jahren – habe er investiert, erklärte Kind noch im Frühjahr, nachdem er den Antrag zwischenzeitlich auf ruhend gestellt hatte. Dass die DFL das offenbar anders sah, bringt Kind in Erklärungsnot. Schon im März berichtete die Bild-Zeitung, die DFL habe Kind von der angegebenen Summe nur 19,7 Millionen Euro zugerechnet. Der 73-Jährige hatte offenbar auch Verzichte auf sein Gehalt als Geschäftsführer und Vereinspräsident als Investition angegeben. Die DFL akzeptierte das jedoch nicht als Förderung.

Kinds Image erhält weitere Kratzer

Der Gegenwind für Kind wird nun stärker, die 50+1-Befürworter unter den Fans fühlen sich angesichts der nun als falsch widerlegten Aussagen Kinds an der Nase herumgeführt. Hinzu kommt, dass Kind seine Ankündigung, den Antrag nach einer Entscheidung durch die DFL offenzulegen, nicht wahr gemacht hat. Damit lässt er einmal mehr Transparenz vermissen und nährt Spekulationen über den Umfang seines finanziellen Engagements bei 96. Sein ohnehin schon stark beschädigter Ruf bei den Mitgliedern, der sich insbesondere bei der Jahreshauptversammlung im April zeigte, als der 96-Vorstand nicht entlastet wurde, erhält damit weitere Kratzer. Ein friedvolles Miteinander zwischen Vereinsführung und Anhängerschaft scheint bereits in weite Ferne gerückt zu sein – unabhängig davon, dass die Ultras ankündigten, ihren Stimmungsboykott in der kommenden Saison vorerst zu beenden.

Kinds Pläne, 96 komplett zu übernehmen, dürften sich weiter in die Länge ziehen. Bis ein endgültiges Gerichtsurteil zu dem Fall gesprochen ist, ist nicht absehbar. Mit seinem sturen Alleingang droht Kind in dieser Zeit weiter das Vertrauen der Mitglieder zu verlieren. Verschärft sich der Gegenwind für Kind, könnte es bei der kommenden Jahreshauptversammlung gar zu einer Abwahl seiner Vertrauten im Aufsichtsrat kommen – und somit die Opposition gestärkt werden. Am ehesten kann der 96-Präsident dem entgegenwirken, wenn er seinen Antrag offenlegt und Fans wie Umfeld umfassend über Anlagen und Begründung seiner Förderung informiert. Damit würde er immerhin Fakten schaffen – die dann Diskussionsgrundlage für die Angemessenheit seiner Forderung darstellen könnten.