Spieler-Portrait: Amine Harit, 20 Jahre

Auf Schalke herrscht nach der Verpflichtung von Trainer Domenico Tedesco Aufbruchsstimmung. Die Karten werden neu gemischt, jeder muss sich aufs Neue beweisen. Das ist die Chance für junge Talente wie Amine Harit, der nach kontroversen Verhandlungen Anfang des Monats nach Gelsenkirchen wechselte. Er hofft darauf, den neuen Coach mit seiner individuellen Klasse zu beeindrucken.

Harit wurde am 18. Juni 1997 als Sohn marokkanischer Eltern im französischen Pontoise, rund 30 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Paris, geboren. Nach ersten fußballerischen Schritten bei den kleinen Vereinen Argenteuil C.O. und Espérance Paris gelangte er im Alter von zehn Jahren ins Jugendprogramm von Paris St. Germain. Bei dem Topklub blieb er allerdings nur wenige Monate, da der Weg zum Training in die Innenstadt langfristig nicht zu bewältigen war. So kehrte er zu Espérance zurück, wo er anschließend bis 2011 spielte. Nach einer weiteren kurzen Zwischenstation bei Red Star Paris schloss sich Harit 2012 erstmals einem Klub außerhalb des Großraums Paris an. Für den damals 15-Jährigen ging es in den Westen Frankreichs zum FC Nantes, der für seine gute Jugendarbeit bekannt ist. Erst durch diesen Wechsel gab der Youngster übrigens sein anderes großes Talent auf: Schwimmen. Über seinen Vater war er in jungen Jahren dazu gekommen.

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In Nantes konnte Harit die Erwartungen mehr als nur erfüllen und entwickelte sich in den nächsten Jahren zu einem großen Nachwuchstalent. Im April 2015 gab er sein Debüt für die französischen U18-Nationalmannschaft, wobei ihm direkt ein Elfmetertor zum zwischenzeitlichen Anschlusstreffer gegen Belgien (3:3) glückte. Im Sommer 2016 erlangte der junge Kreativspieler dann erstmals nennenswerte mediale Aufmerksamkeit, als er mit der französischen U19-Nationalmannschaft den EM-Titel in Deutschland holte und in die Mannschaft des Turniers gewählt wurde. Gerade beim beeindruckenden Finalsieg der „Équipe Tricolore“ (4:0 gegen Italien) glänzte er mit zwei Vorlagen, unter anderem für Neu-Leipziger Jean-Kévin Augustin.

Durchbruch bei Nantes, Wechseltheater mit Schalke

Nach diesem außergewöhnlichen Bewerbungsschreiben rückte Harit auch beim FC Nantes ins erste Glied. Am ersten Spieltag der Saison 2016/17 debütierte der damals 19-Jährige in der Ligue 1, auch in den folgenden elf Ligaspielen stand er jeweils in der Anfangsformation. Sein erstes Profitor erzielte er im Dezember ausgerechnet beim West-Derby in Angers (2:0). Gegen Ende der Saison bekam Harit etwas weniger Einsatzzeit, womöglich auch, weil sich abzeichnete, dass er im Sommer zu einem größeren Verein wechseln würde.

Über einen möglichen Wechsel zu Schalke 04 berichtete Lattenkreuz erstmals Anfang Juni, als Nantes‘ Klubpräsident bestätigte, dass der Bundesligist „sehr konkretes Interesse“ habe. Die Verhandlungen zogen sich jedoch in die Länge und Harit versuchte, den Transfer durch teils unprofessionelle Methoden zu erzwingen. Er stellte unter anderem den Dialog mit den Verantwortlichen seines langjährigen Arbeitgebers ein. Am 10. Juli waren schließlich alle Formalitäten geklärt und der Wechsel wurde offiziell verkündet.

Ein Rohdiamant: Aufreizend aber nicht arrogant

Mit Harit, der einen Vertrag bis 2021 unterzeichnet hat, bekommen die Schalker einen hoch veranlagten Spieler, der allerdings noch lernen muss, seine Qualitäten besser einzusetzen. Seine oft spektakulären Dribblings sind beeindruckend und schön anzusehen, führen aber noch zu häufig ins Nichts. Seine teilweise aufreizende Art, Gegner stehen zu lassen, bewertet der Youngster in einem Interview mit der französischen Sportzeitschrift L’Équipe wie folgt: „Leute könnten denken, dass ich arrogant bin, aber das stimmt nicht. Meine Spielweise ist ein bisschen provokant, deshalb hab ich es so weit geschafft. Im Fußball geht es darum, Spaß zu haben und die Leute zu unterhalten. Aber ich weiß, dass ich meine Statistiken verbessern und einfacher spielen muss.“

Der Rechtsfuß kann im offensiven Mittelfeld sowohl im Zentrum als auch auf der Außenbahn aufgeboten werden, er bevorzugt allerdings die Rolle als „Zehner“. Damit steht er bei Schalke 04 in erster Linie in Konkurrenz zu Eigengewächs Max Meyer. Folglich dürfte es für den Neuzugang nicht einfach werden, sich einen Platz in der königsblauen Elf zu erobern. Bei seinen ersten beiden Testspieleinsätzen wurde er von Schalke-Coach Domenico Tedesco jeweils als Außenstürmer in einem 3-4-3-System aufgeboten. Den hohen taktischen Anforderungen von Tedesco gerecht zu werden, wird für den kreativen Dribbler sicherlich keine leichte Aufgabe. Wenn es jedoch gelingt, Harit in die Mannschaft einzugliedern und seinen Aktionen noch mehr Zielstrebigkeit einzuimpfen, kann er „Königsblau“ nachhaltig weiterhelfen.