Streiken für den Wechsel: Spieler haben Leistungspflicht

Seit Mittwochabend ist das Transferfenster in den europäischen Top-Ligen geschlossen. Wie bereits im Sommer haben sich im Winter einige Spieler ihren Wechsel mit vereinsschädigenden Mitteln erkämpft. In einem zweiteiligen Lattenkreuz-Interview spricht Rechtsanwalt Ali Goldhammer über Ousmane Dembélé und Pierre-Emerick Aubameyang, fehlenden Mut der Vereine und den Einfluss der FIFA.

Ali Goldhammer, 1982 in Teheran im Iran geboren, hat in Würzburg Jura studiert und danach in seiner Heimat Münster die Zulassung zur Tätigkeit als Rechtsanwalt erworben. Seitdem betreut er besonders intensiv das Gebiet des Sportrechts.

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Herr Goldhammer, in der jüngeren Vergangenheit haben sich unter anderem gleich zwei Spieler von Borussia Dortmund zu ihren neuen Vereinen „gestreikt“. Ist das Verhalten rein rechtlich gesehen in Ordnung?

Das lässt sich nicht pauschalisieren, aber wie bei jedem Arbeitsverhältnis wird zwischen Spieler und Verein ein Arbeitsvertrag geschlossen. Jener begründet Rechte und Pflichten der Spieler. Die sogenannte Hauptleistungspflicht eines Spieler ist, dass er regelmäßig beim Training erscheinen und an Spielen teilnehmen muss. Mit Blick auf die Situation von Ousmane Dembélé stellt sich die Frage, ob nach einer einmaligen Abwesenheit schon eine Arbeitsverweigerung besteht oder ob es als unentschuldigtes Fehlen bewertet werden kann. In sportrechtlicher Hinsicht ist durch den internationalen Sportgerichtshof CAS entschieden worden, dass nicht das einmalige Fehlen gleich eine Arbeitsverweigerung darstellt, sondern diese erst vorliegt, wenn der Spieler rund zwei Wochen nicht beim Training erscheint. Daraufhin stellt sich die Frage, ob eine derart schnelle Suspendierung wie im Fall Dembélés gerechtfertigt ist, da der Spieler ein Recht auf Beschäftigung hat. Wenn aber eindeutig klar ist, dass der Spieler nicht zum Training erscheint, weil er kein Interesse mehr daran hat, beim Verein zu bleiben, wäre eine Abmahnung seitens des Vereins angebracht. Damit behält sich der Arbeitgeber das Recht vor, im Wiederholungsfall fristlos zu kündigen.

Und wie verhält es sich im Fall Pierre-Emerick Aubameyangs?

Wenn der Arbeitnehmer regelmäßig unpünktlich erscheint, begründet das nicht sofort eine fristlose Kündigung, sondern auch das setzt erst einmal voraus, dass er eine ordnungsgemäße Abmahnung erhält. Jene ist sozusagen eine Gelbe Karte, da sie vor Augen führt, dass ein bestimmtes Verhalten nicht toleriert wird. Sollte dieses erneut auftreten, gibt es – wenn wir beim Thema bleiben – die Gelb-Rote Karte. Wenn das Verhalten jedoch mehrfach toleriert wird oder abgemahnt wird, ohne Konsequenzen zu ziehen, dann geht die Warnfunktion einer Abmahnung verloren.

Das heißt, die Vereine schöpfen in der Regel ihre arbeitsrechtlichen Möglichkeiten nicht konsequent aus?

Leider sind weder Vertragsinhalte noch das exakte Vorgehen des Vereins bekannt, aber es ist davon auszugehen, dass Pierre-Emerick Aubameyang für das Zuspätkommen keine schriftliche Abmahnung erhalten hat. Zudem hat er sicherlich auch den Betriebsfrieden gestört. Ob dahingehend eine Abmahnung erfolgt ist, ist mir nicht bekannt. Aber das sind die Werkzeuge, die Vereine in solchen Situationen verwenden können. Ich bin der Auffassung, dass es im Fall von Dembélé, der klar zu verstehen gegeben hat, dass er an der Fortführung des Vertragsverhältnisses kein Interesse mehr hat, rechtlich in Ordnung ist, direkt die Rote Karte zu geben. Der Arbeitnehmer muss sich selbst die Frage stellen: „Wenn mein Arbeitgeber weiß, was ich vorhabe, würde er dieses Verhalten dulden oder nicht?“ Dembélé wusste, dass der BVB sein Verhalten niemals dulden wird.

Hat der Verein überhaupt eine Möglichkeit, sich für solche Fälle vorab vertraglich zu schützen?

Bei fast jedem Profiklub gibt es einen Strafenkatalog. Die Vereine werden auch eine Regelung dahingehend aufgestellt haben, was bei einer Arbeitsverweigerung passiert, um sich gegen eine Verletzung der Vertragspflicht des Spielers zu schützen.

Können der DFB oder die DFL die Vereine in solchen Fällen unterstützen?

Entscheidend ist die Frage, ob es sich um einen Wechsel innerhalb des Verbandes handelt. Denn nur dann greifen die Maßstäbe des DFB und der DFL. Wenn es sich allerdings um einen internationalen Wechsel handelt, greifen die Regeln der FIFA. Diese gehen zwar grundsätzlich von der Wahrung der Vertragsstabilität aus, berücksichtigen aber immer nur die Rechtsfolge. Demnach regeln sie die Fragen, was passiert wenn a) berechtigterweise der Vertrag gekündigt wurde oder b) was für Sanktionen drohen, wenn der Vertrag ungerechtfertigterweise beendet wurde. Das Spannende ist, dass es bereits Fälle gab, in denen die Spieler den Vertrag einseitig gegen eine Entschädigungszahlung gekündigt und sich einem neuen Verein angeschlossen haben, obwohl die Wahrung der Vertragsstabilität sagt, dass nur gewechselt werden darf, wenn der Vertrag beendet ist, es also eine Einigung zwischen den Vereinen gegeben hat oder der Spieler einen triftigen Grund dafür hat.

Was wäre denn ein triftiger Grund für einen Spieler, den bestehenden Vertrag einseitig zu kündigen?

Beispielsweise wenn der Spieler sein Gehalt über einen langen Zeitraum nicht erhalten hat, obwohl er es angemahnt hat. So wie es die Verpflichtung des Spielers ist, seine Dienste zu erbringen, so ist es die Verpflichtung des Vereins, Gehälter zu bezahlen.

Der Spieler muss also dem Verein die Gelbe Karte zeigen?

Richtig, auch da muss erst mal die Gelbe Karte gezeigt werden. Der Spieler ist selbst in der Pflicht.

Der zweite Teil des Interviews erscheint am Samstag auf www.lattenkreuz.de