96 und die Fans: Ist der Frieden noch zu retten?

Der Konflikt mit den eigenen Fans hat bei Hannover 96 eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die Atmosphäre auf den Rängen ist vergiftet wie lange nicht mehr. Sportdirektor Horst Heldt platzte nach Abpfiff zuletzt der Kragen, Präsident Martin Kind übt scharfe Kritik an den Fans. Doch der Klub trägt eine Mitschuld an der Situation.

Heldt brachte seine Gefühlslage nach der 0:1-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach am Samstag auf den Punkt. „Zum Kotzen“ findet der Sportchef den leidigen Dauer-Zwist bei 96. Seitdem Kind darum kämpft, die 50+1-Regel bei 96 zu kippen, muss der Aufsteiger in Heimspielen vor meist gespenstisch ruhiger Kulisse auflaufen. Gegen Gladbach kippte die Stimmung schließlich ins Negative. Teile der Ultras stimmten „Kind muss weg“-Rufe an, verunglimpfende Plakate gegen Reporter wurden präsentiert. Die gemäßigteren 96-Fans skandierten im Gegenzug „Ultras raus“. Die Szene ist gespaltener denn je, die Stimmung im Stadion hochentzündlich – ein Zustand, der sich mittlerweile auch auf die Mannschaft niederschlägt.

- Anzeige -

„Verunsichert und abgelenkt“ sei die Elf von Trainer André Breitenreiter gewesen, wie Heldt im Interview mit der Welt berichtete. „In der Pause saßen die Spieler wie paralysiert in der Kabine – als ob sie gerade 0:5 verloren hätten. Wohlgemerkt in der Pause.“ Erstmals sprechen die Verantwortlichen bei den „Roten“ klar und deutlich davon, dass der Stimmungsboykott das Team hemmt. Trainer Breitenreiter meinte: „Ich habe eine solche negative Atmosphäre noch nie erlebt. Damit haben wir nicht gerechnet. Das hat die Jungs berührt. Wir haben das in der Halbzeit angesprochen.“ Und Klub-Boss Kind übte gar scharfe Kritik an den Ultras. „Sie lassen keine Strategie erkennen, kein Konzept, nichts – das ist mein eigentlicher Vorwurf. Sie lehnen alles ab, hinterlassen verbrannte Erde, und am Schluss bleibt Chaos“, sagte der 73-Jährige laut Kicker und ergänzte: „Das Einfachste ist doch, sie bleiben weg.“

96 ist mitverantwortlich für die Situation

Kind kündigte eine Null-Toleranz-Politik an und prophezeite: „Für die nächs­te Sai­son wer­den wir et­li­che Dinge än­dern.“ Ob damit Stadionverbote für die auffälligen Ultras gemeint sind oder anderweitige Konsequenzen, führte er nicht weiter aus. Klar ist aber, dass die angekündigte harte Hand zum endgültigen Bruch mit der aktiven Fanszene führen könnte. Dabei war es noch vor zwei Wochen das klare Ziel gewesen, den Dialog mit den Anhängern zu suchen, um den Konflikt aufzuarbeiten. Eine geplante Podiumsdiskussion mit Vertretern beider Lager ließ der Verein platzen. Begründung: einer der Fanvertreter sei mit bundesweitem Stadionverbot belegt, zwei weitere steckten in laufenden Verfahren. Die Reaktion war grundsätzlich verständlich, 96 wählte aber wie so oft den unglücklichen Weg. Statt intern neue Vertreter anzufordern, teilte der Klub in einer Pressemitteilung mit, dass das Treffen verschoben werde und stellte die Fans damit vor vollendete Tatsachen.

Insgesamt darf sich 96 und vor allem Kind, der aktuell jede Gelegenheit nutzt, gegen die Fans zu schießen, nicht aus der Verantwortung stehlen. Sportdirektor Heldt gestand immerhin vor einem Monat, die Vereinsführung habe in der Kommunikation Fehler gemacht. Dazu gehört die diffus begründete Ablehnung von 119 Mitgliedsanträgen von überwiegend Kind-kritischen Fans. Dazu gehören vor allem auch immer wieder Aussagen des Präsidenten, der in regelmäßigen Abständen Öl ins Feuer gießt. Der Verein verpasste es, die in Teilen berechtigten Sorgen bezüglich der geplanten Mehrheitsübernahme Kinds frühzeitig ernst zu nehmen und in Dialog zu treten. Die geplante Podiumsdiskussion war der richtige Ansatz, wie auch der kurzzeitig aufgehobene Stimmungsboykott gegen den SC Freiburg (2:1) und beim 1. FC Köln (1:1) zeigte. Dass dieses Dialog-Angebot platzte, ist mit Sicherheit nicht alleine 96 in die Schuhe zu schieben.

Sachliche Debatte mit den Fans möglich?

Auch die aktive Fanszene muss sich dem Vorwurf stellen, nicht wirklich an einem vernünftigen Diskurs interessiert zu sein. Andernfalls hätte man bei der Auswahl der Diskussionsteilnehmer sorgfältiger agiert und Vertreter geschickt, die nicht vorbestraft oder in Ermittlungen verwickelt sind. Auch die beleidigenden Banner gegen Gladbach – die im Übrigen kein Einzelfall sind – erwecken kaum den Eindruck, dass eine sachliche Debatte funktionieren kann. Heldt, der in Hannover ein wenig die Rolle des Schlichters zwischen den Fronten an sich zu reißen versucht, forderte auch mit Blick auf die im April anstehende Mitgliederversammlung: „Wir müssen wieder ins Gespräch kommen, wieder eine Diskussionskultur entwickeln. Wir müssen konstruktiv miteinander streiten.“ Jedenfalls seien die Differenzen „leider nicht durch Handauflegen zu lösen“, wie der 48-Jährige erkannte.