Absagenflut stellt Löw vor „große Herausforderungen“

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Joachim Löw schlendert mit tief in den Taschen vergrabenen Händen über den Trainingsplatz. Mit sorgenvoller Miene verfolgt er die Übungen seiner Spieler. Der größte Wunsch des nachdenklich wirkenden Bundestrainers: Bloß keine weiteren Verletzten. Es droht schließlich der Sturz in die europäische Zweitklassigkeit.

Vor dem Prestigeduell in der Nations League beim Erzrivalen Niederlande muss Löw schon genug improvisieren. Angeführt von Marco Reus und İlkay Gündoğan haben dem 58-Jährigen gleich sieben fest eingeplante Spieler für die wegweisende Begegnung am Samstag (20.45 Uhr) in Amsterdam abgesagt. „Es ist immer eine große Herausforderung, wenn mehrere Spieler absagen. Man muss sich immer wieder auf neue Situationen einstellen“, sagte Löw-Assistent Marcus Sorg am Mittwoch, fügte jedoch kämpferisch an: „Wir haben schon öfter gezeigt, dass wir damit umgehen können.“ Sorg brach gleichzeitig eine Lanze für die fehlenden Profis. Er sei „hundertprozentig davon überzeugt, dass alle Beteiligten seriös mit der Situation umgehen und keiner frühzeitig die Segel streicht“. Nach den vielen Ausfällen waren Mutmaßungen aufgekommen, dass sich einige nur leicht angeschlagene Spieler wegen der hohen Belastung in den vergangenen Wochen eine Auszeit genommen haben könnten.

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Nach dem öffentlichen Training mit Volksfeststimmung vor 5.000 Fans in Berlin ereilten Löw die nächsten schlechten Nachrichten. Nach Reus, Gündoğan, Antonio Rüdiger, Kai Havertz und Nils Petersen mussten auch Leon Goretzka und Torhüter Kevin Trapp passen. Mit der spontanen Nachnominierung von Serge Gnabry und Bernd Leno reagierte Löw auf die rekordverdächtige Absagenflut. Zuvor hatte er bereits Emre Can von Juventus Turin nachträglich dazugeholt. „Wir haben genug Möglichkeiten, um uns einzustellen und vorzubereiten“, sagte Löw. Dennoch ist er einiger Optionen beraubt. Timo Werner, der zuletzt das deutsche Spiel auf der linken Seite belebte, muss wohl wieder in den Sturm rücken. Im zentralen Mittelfeld schmerzen die Ausfälle der zuletzt formstarken Reus und Gündoğan. „Das gehört leider dazu. Der Kader, der hier ist, ist aber schlagkräftig und hat gute Chancen, gute Ergebnisse zu erzielen“, sagte Julian Draxler.

Ein kleiner Lichtblick für den Bundestrainer

Immerhin meldete sich Jérôme Boateng nach seiner Erkrankung wieder fit und absolvierte am Mittwoch im strahlenden Sonnenschein die intensive Trainingseinheit komplett. „Die Blutwerte sind gut“, berichtete Sorg. Die Vorzeichen vor dem ersten Aufeinandertreffen mit dem Europameister von 1988 könnten dennoch besser sein. Zumal die Niederländer nach der verpassten EM 2016 und WM 2018 ebenso wie die DFB-Auswahl nach dem WM-Debakel in Russland erheblich unter Zugzwang stehen. Ein Abstieg aus der Division A der Nations League würde für beide Mannschaften einen erheblichen Imageverlust bedeuten und die Kritiker erneut auf den Plan rufen. „Wir sind gewarnt“, versicherte Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff auch mit Blick auf das Spiel bei Weltmeister Frankreich am Dienstag (20.45 Uhr) in St. Denis. Der sportliche Anreiz sei da. Man wolle nicht absteigen, sondern seine Position behaupten und als Mannschaft weiter Richtung EM 2020 wachsen, sagte Bierhoff.

Dass neben den Verletzungssorgen auch der in der DFB-Auswahl dominierende Bayern-Block wegen der Krise im Verein geschwächt ist, vergrößert die Sorgen. Bierhoff sieht sogar Parallelen zum WM-Desaster. „Ich muss zugestehen, ein bisschen hat mich das Spiel der Bayern zuletzt daran erinnert. Viel Ballbesitz, aber es kam wenig dabei raus“, sagte der Europameister von 1996. Sorg ließ keinen Zweifel daran, dass man dennoch auch in Amsterdam und St. Denis auf die angeschlagenen Bayern setzen wird. „Es ist wichtig, dass man so eine Achse hat. Wir brauchen Spieler mit Erfahrung“, sagte er. Der Löw-Assistent ist zuversichtlich, „dass es uns gelingen wird, sie dahin zu bringen, dass sie wieder Leichtigkeit verspüren“. Löw führte daher in den vergangenen Tagen viele Gespräche mit seinen Spielern. „Wir haben ihre Freude im Training gesehen“, sagte Sorg. Ein kleiner Lichtblick für Löw.