Anhänger zeigen der Nationalmannschaft die kalte Schulter

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Bundestrainer Joachim Löw will das schlechteste seiner knapp 13 Amtsjahre unbedingt mit zwei Erfolgen beenden, viele Fans scheinen mit dem katastrophalen WM-Jahr aber bereits abgeschlossen zu haben. Die Anhänger zeigen der Nationalmannschaft im heißen Endspurt die kalte Schulter.

Nur knapp 30.000 Eintrittskarten sind bislang für das Länderspiel am Donnerstag (20.45 Uhr) in Leipzig gegen Russland verkauft worden. Noch besorgniserregender: Für den Klassiker vier Tage später in Gelsenkirchen gegen Erzrivale Niederlande (Montag, 20.45 Uhr), der womöglich über den Abstieg aus der Nations League entscheidet, sind auch erst 36.000 Tickets abgesetzt worden. Der Kredit, den sich der auf schmachvolle Weise entthronte Weltmeister bei der WM verspielt hat, ist allein durch den mutigen Auftritt Mitte Oktober bei Weltmeister Frankreich (1:2) und ein öffentliches Training in Berlin noch nicht wiederhergestellt. „Wir wissen, dass wir in diesem Jahr keinen begeisternden Fußball gespielt und schlechte Ergebnisse abgeliefert haben“, sagte Löw. „Wir wollen einen gelungenen Jahresabschluss und zurück in die Erfolgsspur.“

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Viel Vorbereitungszeit hat der Bundestrainer aber nicht. Vor dem Duell mit WM-Viertelfinalist Russland sind nur zwei Trainingseinheiten angesetzt. Die Spieler durften am Montag auch noch ein paar freie Stunden genießen, erst am späten Abend (bis 22 Uhr) erwartete sie Löw im Hotel The Westin in Leipzig. Bei der Ankunft verriet der Bundestrainer, dass er für den am Sonntag verletzten Stürmer Mark Uth keine Nachnominierung vornehmen werde. Ob Julian Draxler, der wegen eines Trauerfalls in der Familie nicht nach Leipzig gereist war, gegen die Niederlande wieder dabei ist, soll nach dem Russland-Spiel entschieden werden. Löw selbst nutzte den Montag, um sich von seiner leichten Erkältung zu erholen, die seinen Besuch des Bundesliga-Spiels zwischen RB Leipzig und Bayer 04 Leverkusen am Sonntag verhindert hatte. Und Löw dürfte darüber gegrübelt haben, wie er den Verjüngungsprozess, den er nach der demoralisierenden Pleite in den Niederlanden (0:3) eingeleitet hatte, fortsetzen kann.

„Hätte ich ihn liebend gerne über die ganzen Jahre dabei gehabt“

„So einen Umbau kann man aber nicht auf Knopfdruck bewältigen“, sagte Löw. Auf Neulinge verzichtet er, da der Kader über genügend junge Profis mit viel Potenzial verfüge. „Diesen Spielern wollen wir sukzessive Raum geben, sich zu zeigen und bei uns zu etablieren“, sagte Löw mit Blick auf die von ihm vor der WM noch aussortierten Leroy Sané oder Serge Gnabry. Für den nicht nominierten Jérôme Boateng ist in diesem Prozess vorerst kein Platz mehr, auch wenn Löw dem Bayern-Verteidiger öffentlich noch nicht abgeschrieben hat. Da der stark erkältete Mats Hummels sich und Vereinstrainer Niko Kovač mit seinem Einsatz beim Topspiel in Dortmund keinen Gefallen tat, könnte Löw auf ihn gegen Russland verzichten – und in Niklas Süle und Antonio Rüdiger schon das Innenverteidiger-Duo der Zukunft testen.

In der Offensive soll Rückkehrer Marco Reus die aktuelle Torflaute der Nationalmannschaft beenden. Der BVB-Kapitän, der die Länderspiele im Oktober wegen Kniebeschwerden noch verpasst hatte, ist in der Form seines Lebens: Acht Tore in elf Ligaspielen, grenzenlose Spielfreude und ein unbändiger Siegeswille. „In dieser Verfassung hätte ich ihn liebend gerne über die ganzen Jahre dabei gehabt“, sagte Löw. Am Dienstag besuchten Reus und Co. zudem in Leipzig eine Schule und drei Vereine. Das DFB-Team will auf und neben dem Platz verlorenen Kredit bei den Fans zurückgewinnen.