Bayer-Klatsche: Betriebsunfall oder Wendepunkt?

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Die 2:6-Klatsche gegen Bayer 04 Leverkusen war ein Paukenschlag in der bis dato nahezu fehlerfreien Saison des SV Werder Bremen. Die Grün-Weißen wollten die Niederlage zwar nicht überinterpretieren, traten aber dennoch zügig die Suche nach den Ursachen an – Anschauungsmaterial gab es zu Genüge.

Einen „Abend zum Vergessen“ verlebte Werder-Geschäftsführer Frank Baumann. Die Bremer hatten vor der Partie gegen die „Werkself“ den zweiten Tabellenplatz angepeilt, stattdessen wurden sie auf den Boden der Tatsachen geholt. Sechs Gegentore in 90 Minuten – das waren nur zwei weniger, als die Norddeutschen in den acht Spielen zuvor kassiert hatten. Die beste Defensive der Bundesliga wurde von entfesselten Rheinländern auseinandergenommen. „Leverkusen hat brutale Qualität in der Offensive und die Chancen effizient genutzt“, meinte Baumann. Die Pleite nur mit der Klasse des Gegners zu erklären, wäre allerdings zu einfach. Der unerwartete Einbruch hat vielerlei Gründe – und könnte einen negativen Wendepunkt darstellen.

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Am 30. Oktober feierte Cheftrainer Florian Kohfeldt einjähriges Amtsjubiläum. Beinahe zwölf Monate lang blieb Bremen unter dem 36-Jährigen ohne Heimniederlage. 16 ungeschlagene Partien in Folge bedeuteten einen vereinsinternen Rekord, im 17. Spiel gab es den Nackenschlag. Werder steht mit Platz vier aber immer noch auf einem Champions League-Rang, die europäischen Ambitionen sind weiterhin real. Auch eine deutlichere Niederlage gehöre zur Entwicklung der Mannschaft dazu, meinte Kohfeldt. „Wir werden stärker zurückkommen und aus unseren Fehlern lernen“, kündigte der gebürtige Siegener an. Und das müssen die Bremer auch.

Moisander-Ausfall wiegt schwer für Werder

Die erste Lektion, die Kohfeldt mitnehmen musste, ist die Abhängigkeit von Abwehrchef Niklas Moisander. Der Werder-Coach hatte schon im Vorfeld der Partie beim FC Schalke 04 (2:0) die Wichtigkeit des Finnen betont, am vergangenen Sonntag wurde er schmerzhaft bestätigt. Ohne den 33-Jährigen wirkte die Hintermannschaft unkoordiniert und konstant anfällig. Ein weiterer Aspekt war die Dreierkette: Kohfeldt ersetzte Moisander nicht nur durch Sebastian Langkamp, sondern auch durch Marco Friedl. Besonders Letztgenannter machte keine gute Figur, der Österreicher war vor seiner Auswechslung zur Halbzeit völlig indisponiert. Ballverluste, Fehlpässe, schwache Zweikampfführung – ein „Abend zum Vergessen“ eben.

Als Friedl Feierabend hatte, lag Werder bereits mit 0:3 hinten. Positiv war die Reaktion, die die Norddeutschen nach dem Seitenwechsel zeigten: Claudio Pizarro und Yūya Ōsako verkürzten auf 2:3 und machten die Partie noch einmal spannend. Wie allerdings schon bei der ersten Saisonniederlage in Stuttgart (1:2) ließen die Grün-Weißen nach dem Anschlusstreffer die nötige Cleverness vermissen. Statt sich weiter zu stabilisieren und geduldig – schließlich war noch eine halbe Stunde auf der Uhr – zu bleiben, lief die Elf vom Osterdeich nur fünf Minuten später in den nächsten Leverkusener Konter. Der schnelle Treffer von Kai Havertz zum 2:4 aus Bremer Sicht beendete die Träume von der Aufholjagd im Weserstadion jäh.

Souverän im Pokal – Nächster Gradmesser in Mainz

Zu allem Überfluss traf Langkamp, der zweite neue Innenverteidiger, zum Endstand auch noch ins eigene Tor. Es blieb den Bremern wenig erspart an diesem Abend. „Es ist normalerweise eine große Stärke von uns, die Balance zwischen Offensive und Defensive zu halten. Das ist uns heute nicht gelungen“, konstatierte Kohfeldt anschließend. War die 1:2-Pleite beim VfB vier Wochen zuvor noch mit der numerischen Unterzahl zu erklären, gab es für das 2:6 gegen Bayer keine Entschuldigung. In Stuttgart war Werder trotz allem die bessere Mannschaft, aus der Niederlage zogen Spieler und Verantwortliche eher Bestätigung und Kraft. Am Leverkusener Paukenschlag werden die Norddeutschen hingegen etwas länger zu knabbern haben.

Die Analyse musste allerdings schnell geschehen: Schon drei Tage später stand die Zweitrundenpartie im DFB-Pokal beim SC Weiche Flensburg auf dem Programm – eine Pflichtaufgabe, die die Bremer ganz dem Wunsch ihres Trainers entsprechend mit einem 5:1-Sieg souverän lösten. Flensburg könnte der Aufbaugegner gewesen sein, den Werder brauchte, um sich wieder Sicherheit zu erarbeiten. Als echter Gradmesser diente das Spiel beim Regionalligisten natürlich nicht. Die nächste Chance auf echte Rehabilitation eröffnet sich am kommenden Sonntag (18 Uhr) beim 1. FSV Mainz 05. Die Rheinhessen erzielten lediglich einen Treffer in den vergangenen sechs Partien – die Gefahr einer neuerlichen Klatsche ist dementsprechend gering.