Breitenreiters Geduldsprobe: Neuzugänge mit Startproblemen

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Hannover 96 verstärkte sich im Sommer fast ausnahmslos mit Spielern, die bei ihren vorherigen Klubs kaum gespielt oder selten überzeugt hatten. Dass diese Transfers ein Risiko beinhalten, war dabei einkalkuliert. Nach vier Spieltagen ist bereits zu sehen, dass Coach André Breitenreiter noch eine Menge Aufbauarbeit vor sich hat.

Dass 96 als Bundesligist aus den unteren Tabellenregionen kaum gestandene Größen verpflichten kann, liegt in der Natur der Sache. Weder verfügt Hannover über opulente finanzielle Möglichkeiten noch lockt der Klub mit sportlichen Standortvorteilen. In der Position der Niedersachsen ist bei Transfers Kreativität und Risikobereitschaft gefragt – beides bewies Sportdirektor Horst Heldt im Sommer. Kevin Wimmer kam als Dauer-Reservist von Premier League-Absteiger Stoke City, Takuma Asano als Statist vom VfB Stuttgart, dazu noch die Sorgenkinder Walace und Bobby Wood von Bundesliga-Absteiger Hamburger SV. Einzig Genki Haraguchi wusste in der Vorsaison bei Aufsteiger Fortuna Düsseldorf in der 2. Bundesliga zu überzeugen. Doch schnell heimste Heldt berechtigtes Lob für seine Verpflichtungen ein: Die Vorbereitung weckte Hoffnungen, dass die Neuzugänge schneller einschlagen als erhofft. Wimmer harmonierte in der Innenverteidigung erstaunlich gut mit Kapitän Waldemar Anton, Walace glänzte als neuer Motor im Mittelfeld, in der Offensive fiel Asano mit Spielfreude und Spritzigkeit auf. Wood wirkte nach zwei Katastrophen-Jahren beim HSV immerhin weniger gehemmt.

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Die Anfangseuphorie ist nach vier Ligaspielen spürbar abgeebbt. 96 wartet noch auf den ersten Sieg und kassierte am Samstag bei Aufsteiger 1. FC Nürnberg (0:2) einen empfindlichen Tiefschlag. Das Gastspiel im Frankenland führte Trainer Breitenreiter auch deutlich vor Augen, das er mit seinen Neuen noch Geduld benötigt. Die Startelf-Debütanten Wood und Haraguchi enttäuschten auf ganzer Linie, wenngleich Ersterer kaum Zeit hatte, sich zu präsentieren. Der US-Nationalspieler wurde nach dem umstrittenen Platzverweis gegen Miiko Albornoz schon nach 28 Minuten aus taktischen Gründen ausgewechselt. Zur Halbzeit war auch für den blassen Haraguchi Schluss. Wimmer, in Bremen (1:1) und gegen den BVB (0:0) noch mit soliden Auftritten, war am Samstag mit einem haarsträubenden Ballverlust verantwortlich dafür, dass Albornoz überhaupt die Notbremse ziehen musste.

Nur Walace überzeugt bisher – Leihgaben-Trio muss liefern

In Nürnberg 90 Minuten auf der Bank saß Asano. Der Japaner stand nach starker Vorbereitung in den ersten drei Partien noch in der Startelf, war aber stets nur ein Schatten seiner selbst, ließ Durchsetzungsvermögen und Robustheit völlig vermissen. Der einzige Neue, der sich – mit Ausnahme eines durchwachsenen Auftritts gegen den FCN – bislang fast ausschließlich Bestnoten verdiente, ist der Brasilianer Walace, der zur Belohnung für die kommenden Länderspiele Anfang Oktober nach rund eineinhalb Jahren wieder zur Nationalmannschaft eingeladen wurde. Im zentralen Mittelfeld bringt der zweikampf- wie spielstarke 23-Jährige deutlich mehr Qualität in das 96-Spiel. Gerade in Ballbesitz machte die Breitenreiter-Elf im Vergleich zur Vorsaison einen deutlichen Sprung nach vorne, woran Walace entscheidenden Anteil hat. Frei von Formschwankungen ist auch der beim HSV als Skandalprofi in Ungnade gefallene Sechser noch nicht. Immerhin scheinen Eskapaden abseits des Platzes in Hannover kein Problem zu sein. „Der Junge hat Vertrauen vom ersten Tag mit Leistung zurückgegeben. Das freut mich für ihn persönlich, weil er einfach ein guter Junge ist“, sagte Breitenreiter dem Sportbuzzer.

Zu erwarten war eine derartige Entwicklung kaum, ebenso wenig konnte damit gerechnet werden, dass Spieler wie Wood, Wimmer und Asano nach Jahren ohne Spielpraxis respektive Form prompt einschlagen. Eine gewisse Anlaufzeit ist insbesondere bei dem Trio eingeplant, Fehler werden verziehen. Alle drei Spieler sind allerdings nur für eine Saison ausgeliehen – wenn die gerade bei Wood und Wimmer üppige Kaufoption gezogen werden soll, sollte die Integration nicht zu lange dauern. Mehren sich enttäuschende Auftritte, rückt außerdem die Konkurrenz näher heran. Pechvogel Felipe arbeitet aktuell mal wieder an seinem Comeback. Ist der Innenverteidiger wieder einsatzbereit, muss sich Wimmer dem Zweikampf mit dem Brasilianer stellen. Wood und Asano befinden sich weiterhin im Duell um den Platz neben Niclas Füllkrug. Bei den 96-Fans werden aber die Rufe nach Shootingstar Hendrik Weydandt nicht leiser, der nach seinem Traumdebüt in Bremen zuletzt zweimal im Kader fehlte und behutsam aufgebaut werden soll. Es liegt an Asano und Wood, die Fan-Sehnsucht nach einem torgefährlichen Knipser neben Füllkrug zu stillen.