Bremens Offensive in der Findungsphase

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Trotz drei ungeschlagenen Bundesliga-Spielen zum Saisonauftakt ist die Stimmung in Bremen gedämpft. Spielweise und Ergebnisse entsprechen noch nicht den vorgegebenen Ambitionen. Kapitän Max Kruse übte nach dem ärgerlichen 1:1 gegen Nürnberg Kritik – und machte sich Gedanken über seine eigene Rolle.

Fünf Punkte nach drei Spielen, keine Niederlage, seit 14 Heimspielen ungeschlagen – viele Bundesliga-Vereine wären gerne in der Situation, in der Werder sich befindet. Von einer Krise sind die Grün-Weißen noch weit entfernt. Und dennoch lassen sich negative Tendenzen erkennen, die in den kommenden Wochen zum Problem werden könnten. Gegen den 1. FC Nürnberg gingen die Bremer in der 26. Minute in Führung und stellten kurz darauf die Offensive ein. Werder gab die Kontrolle über die Partie unnötig aus der Hand, ließ den „Club“ zurück ins Spiel kommen und musste folgerichtig in der Nachspielzeit den Ausgleich hinnehmen. „Es ist richtig ärgerlich, weil wir gestern förmlich um den Ausgleich gebettelt haben“, meinte Kruse am Montag.

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Es ist ein Muster zu erkennen: Im Auftaktspiel gegen Hannover 96 (1:1) hatten die Norddeutschen auch lange die Oberhand, ohne aber Profit aus den Möglichkeiten zu schlagen. Letztendlich mussten sich die Bremer den Punkt spät noch erkämpfen. Trainer Florian Kohfeldt monierte, seine Mannschaft habe gegen Nürnberg nur 30 Minuten so gespielt, wie es im Vorfeld besprochen wurde. Für das offen kommunizierte Ziel Europa präsentiert sich Werder derzeit noch zu inkonstant. Kruse betonte die Lücke zwischen Anspruch und Realität und nahm sich selbst von der Kritik nicht aus. „Wenn ich nach drei Spielen noch keinen Scorerpunkt habe, ist das für mich natürlich nicht in Ordnung“, sagte der Ex-Nationalspieler.

Kruses Motor stottert noch

Hatte Kruse in der ersten Runde des DFB-Pokals bei Wormatia Worms (6:1) noch aus elf Metern getroffen und zwei weitere Tore vorbereitet, ging der Angreifer in der Bundesliga bislang leer aus. Während Yūya Ōsako und Milot Rashica bereits auf sich aufmerksam machen konnten, blieb der Bremer Spielführer in den ersten drei Partien eher blass. Die Angriffe, die eigentlich auf den 30-Jährigen als zentrale Sturmspitze zulaufen sollten, führten oftmals an ihm vorbei. Die Ursache dafür liegt teilweise auch bei Kruses Interpretation seiner Rolle: Der Offensivspieler ist nicht der typische Mittelstürmer, er sucht das Kombinationsspiel und hält selten die vorderste Position. Gegen Nürnberg hatte das einen negativen Effekt.

Kohfeldt hatte ihm den Auftrag mitgegeben, das Zentrum konsequenter zu besetzen. Dieser Vorgabe kam Kruse nicht vollends nach: „Ich will immer viele Ballkontakte und die Kontrolle haben und habe mich deshalb zu oft aus der Mitte herausbewegt.“ Damit ließ sich der Bremer Spielführer allerdings regelmäßig in den Raum fallen, den Neuzugang Davy Klaassen besetzen sollte. Während sich Kruse und Klaassen also des Öfteren auf den Füßen standen, klaffte in der Spitze ein Loch. „Das muss man differenziert betrachten. Max hat die Rolle, die er im Sommer bekommen hat, schneller angenommen, als wir es erwartet haben. Er kann Spiele entscheiden und hat unglaubliche Qualitäten. Er ist extrem wichtig“, verteidigte Kohfeldt seinen Schützling.

Kohfeldt sucht die optimale Zusammensetzung

Ironischerweise agierten mit Ōsako und Martin Harnik Spieler auf den offensiven Flügelpositionen, die nachweislich auch als Mittelstürmer funktionieren. Die Idee dahinter ist klar: Kohfeldt erhofft sich maximale Flexibilität und ständige Rotation im Angriff, um es den gegnerischen Hintermannschaften schwer zu machen. Gegen Nürnberg allerdings endete dieser Versuch darin, dass drei Stürmer in Rollen agierten, für die sie nicht prädestiniert wirkten. Bremens Offensive ist sowohl qualitativ als auch quantitativ hervorragend besetzt, Kohfeldt hat vor jedem Spiel die Qual der Wahl. Die optimale Zusammensetzung scheint der Werder-Coach allerdings noch nicht gefunden zu haben. Beim FC Augsburg winkt am Samstag ein neuer Anlauf.

Nun sind vier Tore nach drei Bundesliga-Spielen keine ganz schlechte Ausbeute, gemessen an der Vorstellung der Verantwortlichen vom schnellen, erfolgreichen Offensivfußball muss aber mehr kommen. „Wir haben für diese Saison ein anderes Mindset in unseren Köpfen“, erklärte Linksverteidiger Ludwig Augustinsson die gesteigerte Erwartungshaltung in Bremen. Das Spiel über weite Strecken zu beherrschen, reicht Werder nicht, wenn am Ende kein Sieg steht. Die Angriffe sollen schnell und effektiv ausgespielt werden – oder wie Harnik es ausdrückte: „Wir dürfen nicht in Schönheit sterben.“