Dárdai: „Wir dürfen uns nicht anlügen“

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Arm in Arm tanzten die Hertha-Profis vor ihren Fans in der Ostkurve, wo ihnen seit gefühlten Ewigkeiten mal wieder der Jubelgesang „Spitzenreiter, Spitzenreiter“ entgegenschlug. Doch so ganz wohl fühlten sich Vedad Ibišević und Co. nach dem 4:2 (2:1)-Spektakel gegen Borussia Mönchengladbach in der Rolle des Tabellenführers nicht.

Nicht nur, weil die Berliner ahnten, dass Meister FC Bayern München drei Stunden später mit einem 2:0 (1:0)-Sieg beim FC Schalke 04 wieder vorbeiziehen würde. Sondern vor allem, weil Hertha trotz des klubeigenen Startrekords bescheiden bleiben will. Trainer Pál Dárdai nahm das Wort „Spitzenreiter“ fast verächtlich in den Mund, und dann mahnte er: „Wir dürfen uns nicht anlügen.“ Auf Augenhöhe mit den Bayern, die am kommenden Freitag (20.30 Uhr) zum Topspiel ins volle Olympiastadion kommen? Nicht doch, meinte auch Doppeltorschütze Ibišević (31., 63.). „Die Fans dürfen solche Sachen gerne raushauen. Wir müssen aber auf dem Boden bleiben“, sagte der Kapitän.

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Mit zehn Punkten aus vier Spielen ist die „Alte Dame“ so gut wie noch nie aus den Startlöchern gekommen – und das nicht nur mit Betonfußball. Gegen die hochgehandelten Gladbacher gefielen die Berliner mit sehr ansehnlichen Kombinationen. „So ein schönes Offensivspiel habe ich auch schon lange nicht gesehen“, sagte Dárdai. „Danach bin ich zum Manager und habe gesagt: Das war heute Spaß.“ Geschäftsführer Michael Preetz und Dárdai haben ganz offensichtlich den Kader in der Sommerpause trotz schmalen Etats optimal zusammengestellt. „Die Mischung passt“, sagt der Trainer. Haudegen wie Ibišević und Salomon Kalou ergänzen sich prima mit den „jungen Wilden“ um Torschütze Valentino Lazaro (34.) und Arne Maier. Spielmacher Ondrej Duda, Königstransfer der Saison 2016/17, zündet zudem mit Verspätung. Das Tor zum 4:2-Endstand war bereits der vierte Saisontreffer für den Slowaken.

Grujić-Verletzung trübt die Stimmung

Liegen sich also alle glückselig in den Armen beim Hauptstadtklub? Nicht ganz. Zum einen trübte die Verletzung von Liverpool-Leihe Marko Grujić (Bänder- und Kapselriss) die Stimmung. Zum anderen rumort es nach wie vor in der aktiven Fanszene wegen der Digitalisierungs- und Marketing-Offensive, die Geschäftsführer Paul Keuter federführend vorantreibt. Gegen Gladbach forderten Teile der Fans erneut den Rücktritt des ehemaligen Twitter-Sportchefs für Deutschland. Auf einem Plakat wurde der neueste Hertha-Werbeslogan („In Berlin kannst Du alles sein. Auch Herthaner“) umgewandelt in: „In Berlin kannst Du alles sein. Auch arbeitslos – Keuter raus!“.

Der viel gescholtene Keuter lässt sich aber nicht von dem Weg abbringen, den er und seine Kollegen in der Geschäftsführung eingeschlagen haben. Hertha wolle „irgendwann die ganze Vielfalt Berlins im Stadion haben“, erklärte Keuter bei Sky die Strategie. Spielt Hertha wie gegen Gladbach, dürften wieder mehr Fans ins Olympiastadion kommen. Im nächsten Heimspiel gegen Bayern ist die Riesenschüssel ohnehin voll. Es wird ein Spitzenspiel, egal ob Hertha zuvor am Dienstag (18.30 Uhr) in Bremen punktet oder nicht. Wer hätte das gedacht.