Das Wolfsburger Trainer-Karussell: Der Nächste, bitte!

Auch Martin Schmidt konnte den VfL Wolfsburg trotz vielversprechender Ansätze nicht aus der Dauerkrise führen. Jetzt ist Bruno Labbadia gefordert, die klaffende Lücke zwischen Realität und Anspruch beim VfL zu schließen.

Schmidt war nach der Ära Dieter Hecking, die ihren Höhepunkt 2015 mit dem DFB-Pokalsieg und der Vizemeisterschaft fand, bereits der dritte Cheftrainer der „Wölfe“ in den zurückliegenden 15 Monaten. Valérien Ismaël hielt vier Monate durch, dessen Nachfolger Andries Jonker immerhin sechs. Gescheitert ist auch Schmidt, der nach fünf Monaten im Amt zurücktrat. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Spielte anfangs auch Pech eine Rolle, wurden spätestens in der Rückrunde eklatante spielerische Mängel offensichtlich. Ein Anteil der Verantwortung liegt freilich auch bei der Mannschaft, die zuletzt – mit Ausnahme des bitteren 1:2 gegen den FC Bayern – entgegen aller Beteuerungen Charakter und Leidenschaft vermissen ließ.

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Noch nie war ein Trainer in Wolfsburg mit sieben Remis gestartet, Schmidt gelang dieses „Kunststück“. Nur zwei Siege aus diesen Partien hätten wohl gereicht – und die Bilanz des Ex-Mainzers hätte ganz anders ausgesehen. Sicher fehlte dem VfL in dieser Phase oft das Match-Glück. Andererseits rettete den „Wölfen“ gegen die TSG 1899 Hoffenheim (1:1) und den FC Schalke 04 (1:1) nur ein Last-Minute-Treffer überhaupt einen Punkt. War Schmidt nach den ersten neun Spielen noch ungeschlagen und wurde daher in der Wahrnehmung überwiegend positiv gesehen, kippte fortan das Bild. Spätestens seit der Rückrunde enttäuschte die hochwertig besetzte Mannschaft des Schweizers maßlos. Einzig ein Sieg bei Hannover 96 (1:0) gelang, dafür reichte ein Sonntagsschuss von Yunus Malli.

Mannschaft im Fokus – Umfeld brodelt

Nicht nur Schmidt muss sich jedoch ankreiden lassen, aus dem zweifellos vorhandenen spielerischen Potenzial nicht mehr gemacht zu haben. Auch die Spieler stehen im Fokus. Der Vorwurf des fehlenden Willens im Abstiegskampf steht im Raum. Die Fans reagierten auf die pomadigen Auftritte ihrer Mannnschaft in der Anfangsphase des Bayern-Spiels mit einem Stimmungsboykott. Mittelfeldspieler Daniel Didavi wehrte sich nach der Partie, in der der VfL tatsächlich immerhin kein fehlender Einsatz vorzuwerfen war. „Es wird oft so dargestellt, als wären wir ein charakterloser Haufen, das ist nicht so. Wir lassen uns nicht von draußen reinreden, einen Scheiß-Charakter zu haben“, wird er von der Allgemeinen Zeitung zitiert.

Es brodelt in der Autostadt. Das Umfeld versteht nicht, wieso die hundertprozentige VW-Tochter so wenig aus ihren Möglichkeiten macht. Aus einem kürzlich veröffentlichten Finanzreport der UEFA geht hervor, dass der VfL im Kalenderjahr 2016 in Europa zu den 20 Klubs mit den höchsten Gehaltszahlungen gehört. Deutlicher könnte nicht widergespiegelt werden, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit in Wolfsburg auseinanderklaffen. Beim wichtigen Auswärtsspiel gegen den 1. FSV Mainz 05 am Freitag werden nur rund 250 mitreisende Fans erwartet, der Unmut ist weiterhin groß.

Dem neuen Trainer Labbadia steht keine leichte Aufgabe bevor. Alles andere als ein Sieg in Mainz würde die Lage kaum beruhigen, bei einer Niederlage droht gar der Absturz auf den Relegationsplatz. Der erfahrene Fußballlehrer muss aus einer Mannschaft, die vor allem offensiv zuletzt vieles vermissen ließ, neuen Mut herauskitzeln. Zunächst wird er am Mindestziel Klassenerhalt gemessen. Danach zeigt sich, ob der unabhängig vom Ligaverbleib notwendige radikale Neuanfang mit Labbadia stattfindet oder ob es in Wolfsburg wieder heißt: „Der Nächste, bitte!“