Der Videobeweis: Neue Saison, alte Probleme

Foto: Sascha Schuermann/AFP/Getty Images

Neue Saison, alte Probleme – und Chaos pur: Der Ärger um den Videobeweis überschattete am ersten Spieltag der Fußball-Bundesliga die Freude darüber, dass der Ball wieder rollt. Auch Ex-Schiedsrichter Jochen Drees, der zukünftig das Projekt Video-Assistent beim DFB leitet, sieht Verbesserungsbedarf.

„Es muss so schnell wie möglich Abhilfe geschafft werden, eine Taskforce sollte gebildet werden, die sich darum kümmert, dass hier nun endlich professionell gearbeitet wird“, sagte Karl-Heinz-Rummenigge. Die Aussagen von Bayern Münchens Vorstandschef sind insofern erstaunlich, als dass der Branchenprimus diesmal nicht sonderlich vom Einfluss des Videobeweises betroffen war. Unter höchst fragwürdige Entscheidungen der Schiedsrichter hatten andere zu leiden. Zum Beispiel Bayern-Gegner Hoffenheim. Oder Vizemeister FC Schalke 04. Oder die Aufsteiger Nürnberg und Düsseldorf.

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„Viele Sachen sind einfach nicht gut gelaufen. Es gibt Bedarf, noch weiter ins Detail zu gehen“, sagte Drees am Sonntag bei Sky Sport News HD und räumte freimütig Fehler ein. Hatte die umstrittene Technik bei der WM in Russland noch punkten können, steht sie gleich zu Beginn der neuen Bundesliga-Spielzeit im Kreuzfeuer der Kritik. Schalkes Sportvorstand Christian Heidel sprach von „absolutem Aktionismus“, Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann riet den Video-Assistenten in Köln, sie sollen „daheim bleiben“, Nürnbergs Trainer Michael Köllner vermisste „taktisches Gespür“.

Der Schiedsrichter auf dem Platz ist der Chef

Und vor allem im Fall der Schalker kommt der Protest zu Recht. Bei der 1:2 (0:1)-Niederlage der Königsblauen beim VfL Wolfsburg hatte Schiedsrichter Patrick Ittrich auf Geheiß des erfahrenen Video-Referees Wolfgang Stark zunächst eine Gelbe Karte für den Schalker Matija Nastasić (65.) in eine Rote korrigiert. Nur drei Minuten später zeigte der 39-jährige Ittrich VfL-Neuzugang Wout Weghorst Rot wegen einer vermeintlichen Tätlichkeit, ehe Köln Videobilder anordnete und der Platzverweis wieder aufgehoben wurde. Ein Fehler laut Drees: „Da tat mir Patrick Ittrich tatsächlich etwas leid, weil er Entscheidungen, die ich nicht als falsch ansah, korrigieren musste.“ Für den 48-Jährigen gilt es, genau hier anzusetzen. Bei der Kommunikation zwischen VAR und Schiedsrichter, damit kein Kompetenzgerangel entsteht. „Das Wort heißt Video-Assistent und nicht Video-Schiedsrichter. Wir müssen die Beteiligten noch mehr sensibilisieren. Der Schiedsrichter auf dem Platz ist der Chef“, stellte Drees klar.

Und der Chef soll nur auf die Hilfe seines Kölner Adjutanten zugreifen, wenn es sich um eine klare Fehlentscheidung handelt. „Interpretierbare Grau-Entscheidungen“, wie Drees sie nennt, sollen alleinig dem Feldschiedsrichter obliegen. Deshalb sei es laut Drees beispielsweise auch richtig gewesen, dass Schiedsrichter Bastian Dankert am Freitag in München bei der Elfmeterentscheidung vor dem 2:1 durch Bayerns Torjäger Robert Lewandowski zum Ärger der Hoffenheimer auf technische Hilfe verzichtet hatte. Milde stimmt das die Trainer nicht. Die Niederlagen des 1. FC Nürnberg (0:1 bei Hertha BSC) und Fortuna Düsseldorf (1:2 gegen den FC Augsburg) führten die Trainer auf die fehlerhafte Verwendung des Videobeweises zurück. In beiden Fällen hatte es vor entscheidenden Treffern vermeintliche Fouls gegeben, die nach Ansicht der Bilder nicht als solche identifiziert wurden. „Jetzt schaut er sich das zehnmal an und bewertet es trotzdem anders, weil er glaubt, dass es taktisch keinen Einfluss hat“, sagte Köllner. Die Diskussionen um den Videobeweis reißen nicht ab.