Durchstarter Weydandt erhöht Breitenreiters Möglichkeiten

Foto: Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images

Die Rufe bei Hannover 96 nach einer Verstärkung für die Offensive wurden zuletzt lauter. Für einen Spieler der Kategorie Soforthilfe fehlen den Niedersachsen allerdings die Mittel. Eine unverhoffte Alternative für die vorderste Front stellt nun Durchstarter Hendrik Weydandt dar, der vor vier Jahren noch in der Kreisliga kickte.

Kometenhafte Aufstiege wie der des 23-jährigen Weydandt zählen zu den „Geschichten, die der Fußball schreibt“, wie es 96-Kapitän Waldemar Anton am Wochenende ausdrückte. Im Juni war der 1,95-Meter-Hüne, der 2014 noch für seinen Heimatverein TSV Groß Munzel in der Kreisliga Hannover-Land die Fußballschuhe schnürte, vom Regionalligisten Germania Egestorf/Langreder zu 96 gewechselt. Eingeplant war er allerdings für die ebenfalls in der vierten Liga beheimatete U23. Mit sechs Treffern in der Vorbereitung schoss sich Weydandt allerdings ins Blickfeld von Trainer André Breitenreiter, der die Leistung des „Nobodys“ honorierte: Sowohl im DFB-Pokal gegen den Karlsruher SC (6:0) als auch beim Liga-Auftakt bei Werder Bremen (1:1) durfte Weydandt als Joker ran. Und der lieferte eindrucksvoll, schnürte in Karlsruhe einen Doppelpack und traf in Bremen in eiskalter Stürmer-Manier nur 75 Sekunden nach seiner Hereinnahme zur Führung. „Dass wir Henne in dieser Situation einwechseln, zeigt auch, welches Vertrauen wir in ihn haben“, betonte Breitenreiter. Vertrauen, das Weydandt zurückzahlen konnte, einen Kaderplatz beim kommenden Heimspiel gegen Borussia Dortmund hat er fast sicher.

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Breitenreiter sieht in dem bulligen Stoßstürmer eine vollwertige Alternative, mit der vor der Saison niemand rechnen konnte. Der Werdegang Weydandts kann getrost als modernes Fußball-Märchen bezeichnet werden. Ein Märchen, das in der 96-Offensive für mehr Spielraum sorgt. Kandidaten für die Doppelspitze waren bis dato nur Niclas Füllkrug sowie die Neuzugänge Bobby Wood und Takuma Asano. Die Angreifer Jonathas, Kenan Karaman, Charlison Benschop und Martin Harnik haben den Klub im Sommer verlassen. Der aufstrebende Weydandt macht den Etablierten Druck, gerade Wood, der noch Anpassungsprobleme zeigt, muss sich nun beweisen. Konkurrenzkampf ist für einen Trainer immer gut – zumal der Shootingstar auch in der Problemzone offensive Außenbahn indirekt für Entlastung sorgen könnte.

Heldt: „Hendrik und seine Familie sind sehr bodenständig“

Dort ist Hannover mit Genki Haraguchi, Ihlas Bebou sowie dem unerfahrenen Linton Maina und dem verletzungsanfälligen Noah Sarenren Bazee knapp besetzt, Neuverpflichtungen sind aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht realisierbar. Zwar ist Weydandt selbst ein reiner Mittelstürmer und somit kein Kandidat für den Flügel. Breitenreiter hat durch die zusätzliche Option im Angriff aber die Möglichkeit, den vielseitigen Asano auf den Außen aufzubieten. Auch eine Variante mit Füllkrug auf dem Flügel wurde in der Vergangenheit schon getestet. Auf etwaige Ausfälle kann Breitenreiter also vielseitiger reagieren. Damit ist der Wunsch des 96-Coaches nach einem zusätzlichen Neuen für die Flügelpositionen zwar immer noch nicht erfüllt, der befürchtete Notstand kann aber besser abgefedert werden. Weydandt soll zeitnah auch offiziell Teil des Profikaders werden. Ein neuer Vertrag für die Lizenzspielerabteilung zu deutlich verbesserten Bezügen – im Gespräch sind 300.000 Euro Jahresgehalt – liegt unterschriftsreif vor.

Zu früh in den Himmel loben wollen sie Weydandt in Hannover bei aller Euphorie aber nicht. Immerhin macht der BWL-Student, der eigentlich Steuerberater werden wollte, gerade erst seine ersten Schritte im Profifußball. Sorge, dass ihm der schnelle Ruhm zu Kopf steigt, haben die Verantwortlichen freilich nicht. „Er ist noch jung, aber bringt alle Facetten mit, die ein zentraler Stürmer braucht. Er ist schnell, er ist groß, er ist kopfballstark“, ist Sportdirektor Horst Heldt von seinen Qualitäten überzeugt und betont: „Das wichtigste in der momentanen Situation ist, dass er und seine Familie sehr bodenständig sind.“ Auch Breitenreiter ist sich sicher: „Wahrscheinlich denkt er auch, dass er sich mal kneifen müsste, bei allem, was gerade passiert. Aber er ist sehr reflektiert, sehr geerdet.“