Fanfrieden noch zu retten? 96 vor wegweisender Saison

Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images

Die abgelaufene Bundesliga-Saison von Hannover 96 war überlagert von permanenten Konflikten zwischen Teilen des Anhangs und der Klubführung sowie Zündstoff innerhalb der eigenen Fanszene. Ein zweites Jahr mit derart verhärteten Fronten gilt es im Sinne des sportlichen Erfolges zu vermeiden – der Weg dahin ist weit.

Seit fast einem Jahr schwelt der Streit zwischen Fans und der Führungsebene des Bundesliga-Klubs – seit Präsident Martin Kind im August 2017 bei der DFL seinen Antrag auf Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel eingereicht hat. Elf Monate nach Bekanntgabe der Übernahmepläne Kinds lässt sich festhalten: Bislang gibt es nur Verlierer. Kinds Antrag wurde von der DFL noch immer nicht angenommen, die Fans hatten mit ihren Protesten für den Erhalt von 50+1 bislang ebenfalls noch keinen Erfolg, und zu allem Überfluss wirkte sich die vergiftete Atmosphäre im Stadion negativ auf die Mannschaft aus. Trainer André Breitenreiter klagte, sein Team habe „34 Auswärtsspiele“ bestreiten müssen, Sportdirektor Horst Heldt wütete im Frühjahr, die Situation „kotze ihn nur noch an“. Auch einzelne Spieler brachten ihren Unmut über die verfahrene Situation wiederholt zum Ausdruck. Annäherungsversuche von beiden Seiten gab es – wie die zwischenzeitliche Unterbrechung des Stimmungsboykotts vonseiten der Fans im Februar oder die Ankündigung einer Podiumsdiskussion vonseiten des Klubs. Doch die Bereitschaft, ernsthafte Kompromisse einzugehen, fehlte jeweils.

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Mitte Juni setzte 96 erneut ein Zeichen für ein gemeinsames Miteinander mit den Fans. Alle 25.000 Dauerkarten für die Saison 2017/18 konnten zum gleichen Preis zu Dauerkarten für die kommende Spielzeit umgewandelt werden, 19.000 nutzten diese Möglichkeit. An sich kein ungewöhnlicher Vorgang in der Bundesliga, in Hannover kam er aber durchaus überraschend. Nach indiskutablen Schmähungen und Transparenten einiger Chaoten während des Spiels zwischen 96 und Borussia Mönchengladbach im Februar, die selbst von Teilen des eigenen Anhangs mit Pfiffen quittiert wurden, hatte Kind mit Konsequenzen für die Nordkurve gedroht. Ticketentzug und gar eine Umwandlung der Tribüne in einen Familienblock wurden thematisiert. Die Drohungen wurden nicht wahr gemacht – alles andere hätte wohl auch zum endgültigen Bruch zwischen Klub und Fans geführt.

96 machte Fehler im Umgang mit den Fans

Zusätzlich zur Verkündung der Dauerkarten-Umwandlung veröffentlichte 96 einen gemeinsam mit dem Fanbeirat Hannover entwickelten Leitfaden für die nächste Saison. Ein „friedlicher und stimmungsvoller“ sowie „fairer Umgang“ solle im Zentrum stehen, die Kommunikation zwischen Vertretern beider Parteien außerdem verbessert werden. Die Ansätze sind vielversprechend, die Skepsis bei Teilen des Anhangs aber weiterhin groß. Allzu häufig kündigte 96 in der Vergangenheit eine bessere Zusammenarbeit mit den Fans an, konsequente Taten folgten selten. Stattdessen wurden kritische Stimmen bei weitreichenden Entscheidungen – wie im Falle der Veräußerung der Anteile des Vereins an der Profiabteilung oder dem 50+1-Antrag – übergangen und zumindest teilweise berechtigte Sorgen nicht ernst genommen.

Die wohl einzige Chance, einen gemeinsamen Weg zu finden, wäre ein Abrücken von Kinds festem Vorhaben, die 50+1-Regel außer Kraft zu setzen und damit dem e.V. jegliche Mitsprache an der als Hannover 96 KgAa ausgegliederten Profiabteilung zu nehmen. Die komplette Geschäftsführung würde dann durch die KgAa bestellt – aus Sicht der Investoren um Kind ein nachvollziehbares Anliegen, da die eingesetzten Geschäftsführer mit den Mitteln der Geldgeber arbeiten.

Vetorecht für e.V.-Vertreter als Lösung?

Ein möglicher Kompromiss wäre eine Aufweichung von 50+1 im sogenannten „Hannover-Modell“. Vertreter des e.V. könnten mit einem Vetorecht für weitreichende Entscheidungen versehen werden. So könnte – auch für eine mögliche Zeit nach dem 73-jährigen Kind – sichergestellt werden, dass niemals gegen die Interessen des Vereins gehandelt wird. Bei der Mitgliederversammlung im April verpassten die Mitglieder nur knapp die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit für eine dahin gehende Verfassungsänderung. Mit dem Vorschlag einer gemeinsamen Ausarbeitung, die Investoren und Fans glücklich stimmt, könnte 96 einen gewaltigen Schritt machen. Noch ist eine gemeinsame Einheit möglich.