Fragen und Antworten zur WM-Analyse

Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Bundestrainer Joachim Löw hat am Mittwoch in München seinen Kader für die beiden Länderspiele gegen Weltmeister Frankreich (6. September) und Peru (9. September) nominiert und seine Analyse des historischen WM-Desasters vorgelegt. Die wichtigsten Fragen und die dazugehörigen Antworten im Überblick.

Wie geht Joachim Löw mit dem WM-Desaster um?
Der Bundestrainer zeigte sich ungewohnt selbstkritisch, sprach von einem „absoluten Tiefschlag. Da gibt es nichts zu beschönigen. Wir sind alle weit unter den Möglichkeiten geblieben und haben zu Recht die Quittung dafür bekommen.“ Nach Tagen des Frusts habe er aber gemeinsam mit Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff gespürt, auch weiterhin „die große Motivation, Energie, Kraft und Begeisterung“ zu haben, „dass wir das Schiff wieder auf Kurs bringen“. Ihm gehe es „gut“, betonte er.

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Was ergab die Analyse?
Sein „allergrößter Fehler“ sei gewesen, so Löw, mit dominantem Ballbesitzfußball durch die Vorrunde kommen zu wollen: „Ich wollte das auf die Spitze treiben, das perfektionieren. Da war ich fast arrogant.“ Er sei zu großes Risiko gegangen. Zudem habe er es nicht geschafft, „das Feuer, das man braucht, zu schüren, und neue Schlüsselreize zu setzen, dass alle mit großer Leidenschaft, Einsatz, Zweikampfstärke agieren. Wir hatten nur eine kleine Flamme.“

Welche Konsequenzen kündigte Löw an?
Er will die Mannschaft nach den Erfahrungen der WM wieder zu einer stabileren und flexibleren Spielweise führen, weg vom reinen Ballbesitzfußball. „Unsere Spielweise adaptieren“, nannte Löw das. Außerdem werde er Attribute wie Leidenschaft und Einsatz wieder „stärker einfordern. Wir müssen nach dem Debakel ein Jetzt-erst-recht-Gefühl hinbekommen.“ Bierhoff kündigte zudem an, den Verhaltenskodex für die Profis überarbeiten zu wollen.

Wie sieht die neue Mannschaft aus?
Der Kader bietet kaum Überraschungen. Wie erwartet ist Sami Khedira das einzige „Bauernopfer“ in Löws Überlegungen. In Kai Havertz (Bayer 04 Leverkusen), Thilo Kehrer (Paris Saint-Germain) und Nico Schulz (TSG 1899 Hoffenheim) berief er drei Neulinge. 17 Spieler im 23-köpfigen Kader gehörten bereits in Russland zum deutschen WM-Aufgebot. Löw sprach von einer „guten Mischung aus Erfahrung und jungen, hungrigen Spielern“.

Was sagte Löw zur angeblichen Grüppchenbildung bei der WM?
Er könne das Thema auch nach einigen Gesprächen mit den Spielern „nicht verifizieren“, betonte er. Natürlich gebe es in einer Mannschaft „Sprüche, es gab aber keine unüberbrückbaren Differenzen. Die Mannschaft ist gut klargekommen.“ Immerhin räumte der Bundestrainer ein, „das wir nicht diesen unglaublichen Teamgeist wie 2014 hatten“.

Wie bewertete Löw die Kritik von Philipp Lahm an seinem Führungsstil?
Löw widersprach seinem früheren Kapitän. Er wisse sehr wohl, „wie man junge Spieler erreicht. Den Weg werde ich beibehalten. Ich habe viele Jahre erfolgreich gearbeitet. Man muss sich natürlich anpassen. Ich werde mich nicht ändern.“

Wie reagierte Löw auf den Rücktritt von Mesut Özil?
Er kritisierte die Art und Weise. Zugleich wies Löw die Anschuldigungen des Profis gegen den Deutschen Fußball-Bund zurück. Erstaunlich ist: Bisher gab es noch kein Gespräch mit dem Weltmeister von 2014. Özil hat bisher auf Anrufe und SMS von Löw nicht reagiert, was der Bundestrainer bedauerte. Löw gab aber zu, die Lage nach den Erdoğan-Fotos von Özil und İlkay Gündoğan unterschätzt zu haben.

Welche personellen Änderungen gibt es?
Der Stab wird verkleinert. Man müsse die „Konzentration schärfen“, sagte Löw, „weniger ist mehr“. Bierhoff sprach davon, „Abläufe zu optimieren“. So werden bei einem Turnier künftig elf Personen, bei Länderspielen sieben weniger zum „Team hinter dem Team“ gehören. Prominentestes „Opfer“ ist Assistent Thomas Schneider, der als neuer Leiter zur Scouting-Abteilung weggelobt wurde.

Wird aus dem DFB-Team eine Mannschaft zum Anfassen?
Bierhoff kündigte nach der Kritik vor und nach der WM an, „Nahbarkeit und Bodenständigkeit wieder zu intensivieren. Wir müssen wieder Nähe aufbauen.“ Für die Herbst-Länderspiele versprach er ein öffentliches Training. Zudem forderte er die Nationalspieler etwa auf, vor dem Hotel und beim Training Autogramme zu schreiben. In Bezug auf die viel kritisierte Kommerzialisierung werde man „die mannschaftsrelevanten Tätigkeiten betrachten, anders und dezenter auftreten“. In diesem Zusammenhang stehe auch der umstrittene Begriff „Die Mannschaft“ auf dem Prüfstand.

Wie geht es für Löw weiter?
Löw muss sofort liefern, das weiß er auch. „Wir stehen alle unter besonderer Beobachtung und unter besonderem Druck“, sagte er und forderte bei den kommenden Länderspielen „ein klares Zeichen in vielen Bereichen“. Man nehme die Nations League mit den Spielen gegen Frankreich und die Niederlande „sehr ernst“. Er sei aber „überzeugt von unserer Klasse. Ich bin sicher, dass wir das hinbekommen.“ Und wenn nicht? Dann könnte es ein ungemütlicher Herbst für alle Protagonisten, speziell aber für Löw werden.