Gnabry läuft Müller den Rang ab

Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Thomas Müller ist noch immer das Idol der Jugend, das bewies sein Kick mit Kindern in Leipzig. Doch sportlich hat ihm Serge Gnabry sowohl im Klub als auch im Nationalteam vorerst den Rang abgelaufen.

„Müller, Müller“, schrien die rund 50 Kinder, als sich Bayern-Profi Müller in der Sporthalle des SV Lindenau durch einen abgesteckten Parcours schlängelte. Dann lupfte der Nationalspieler den Ball aus drei Metern aber nur an die Latte des kleinen Tores, und ein lautes „Ohhhh“ erfüllte den Raum. Als Müller dann auch noch ein Okocha-Trick gründlich misslang, kicherte sogar das ein oder andere Kind. „Im normalen Spiel darf ich ja auch flach schießen“, sagte Müller nach dem Vereinsbesuch vor dem Länderspiel am Donnerstag (20.45 Uhr) in Leipzig gegen Russland. „Ich hätte schon gerne ein Tor gemacht, so ist es nicht.“

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Jedes noch so kleine Erfolgserlebnis ist beim Torjäger derzeit herzlich willkommen. In der Bundesliga hat der Angreifer seit Anfang September nicht mehr getroffen, im Trikot der Nationalmannschaft wartet Müller sogar seit acht Monaten auf ein Tor. Dass das nur ein vorübergehendes Tief ist, das alle Stürmer mal befällt, glauben nur noch die wenigsten. Seit der für ihn persönlich miserabel verlaufenden EURO 2016 sucht Müller verzweifelt nach seiner Form und seinem Torriecher. Die Folge: Das von Louis van Gaal einst formulierte Diktum „Müller spielt immer“ gilt nicht mehr – weder beim FC Bayern noch in der Nationalmannschaft. In beiden Teams hat ihm zurzeit Gnabry den Rang abgelaufen. Der sechs Jahre jüngere Offensivspieler wurde zuletzt sowohl von Bayern-Coach Niko Kovacč als auch von Bundestrainer Joachim Löw von Beginn an aufgestellt, während Müller auf der Bank Platz nehmen musste.

Nicht mehr viele Argumente für einen Platz in der Startelf

Ein schlechtes Gewissen hat Gnabry deswegen nicht: „Wenn ich draußen sitze, ist doch auch ein Hochkaräter draußen, oder?“ Das Selbstvertrauen des Sohnes eines Ivorers und einer Schwäbin dürfte trotz der 2:3-Niederlage im Gipfeltreffen der Bayern bei Borussia Dortmund noch mal gestiegen sein. Gnabry leitete beide Bayern-Tore ein und begeisterte auch Löw: „Wenn er so weiter macht, wird er in Zukunft für die Nationalmannschaft ein extrem wichtiger Spieler sein.“ Müller indes agierte gegen Dortmund wieder einmal fleißig, aber glücklos. Als 21-Jähriger hatte er sich mal als „Raumdeuter“ bezeichnet, der einen „gewissen Instinkt, ein Gefühl für die Räume“ besitzt. Diese Fähigkeiten besitzt Müller noch immer, nur kommt er oft eine Fußspitze zu spät, vertändelt im entscheidenden Moment den Ball oder wird von seinen Mitspielern übersehen.

Wenn Müller aber keine Torgefahr ausstrahlt, hat er nicht mehr viele Argumente für einen Platz in der Startelf. Vor allem die Jokerrolle beim 1:2 Mitte Oktober bei Weltmeister Frankreich hat ihm deutlich vor Augen geführt, dass der unabwendbare Umbruch im Nationalteam auch seine Person betreffen könnte. Müller akzeptiert dies – vorerst. Löw hat Müller längst nicht abgeschrieben: „Er ist immer noch ein Spieler, der in der Lage ist, Spiele zu entscheiden. Auch wenn er eine schwierige Phase hat.“