Hannover: 50+1 gefährdet das Idyll

Foto: Selim Sudheimer/Bongarts/Getty Images

Fanboykott, Streit um die 50+1-Regel und dann stand der Sportdirektor auch noch zwei Mal auf dem Sprung zu einem anderen Klub. Im Vorjahr war Hannover 96 der Knatsch-Klub der Liga. Da geriet die gute sportliche Bilanz allzu oft in den Hintergrund.

Langeweile? Darauf hat Horst Heldt nun wirklich keine Lust. Aber der Sportdirektor kann sich auch „nicht vorstellen, dass es bei uns ruhig wird“, sagte er im SID-Interview. „Natürlich wäre es schön, wenn wir es alle gemeinsam schaffen, dass wir den Fokus wieder auf den Fußball richten“, sagte Heldt vor dem Bundesliga-Auftakt beim SV Werder Bremen am Samstag (15.30 Uhr). Und die Voraussetzungen scheinen dafür nicht schlecht. Der harte Kern der Fans will das Team wieder lautstark anfeuern, Heldt hat sich zu 96 bekannt und die Mannschaft von Trainer André Breitenreiter, der gerade seinen Vertrag bis 2021 verlängert hat, funktioniert offenbar. Das 6:0 in der ersten Runde des DFB-Pokals beim Karlsruher SC bestätigte den guten Eindruck der Vorbereitung.

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„Wir haben keine Lust, uns über Abstiegssorgen Gedanken machen zu müssen. Und jeder, der mich oder André Breitenreiter kennt, weiß, dass wir sehr ehrgeizig sind. Natürlich haben wir nichts dagegen, besser zu sein als im vergangenen Jahr“, sagte Heldt. Da war Platz 13 die Ausbeute nach dem Aufstieg. Doch die Konkurrenz hat mächtig aufgerüstet. „Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn wir wieder überraschen, aber wir sind in der Tabelle der Möglichkeiten auf Platz 16 und haben nur die beiden Aufsteiger hinter uns“, sagte Breitenreiter. Zudem schwelt die Diskussion um das Thema 50+1 weiter. Teile der Anhänger sind schlicht gegen die Komplett-Übernahme des Klubs durch Präsident Martin Kind. Der Unternehmer hat nach seinem abgelehnten Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung von der Investorenregel das Ständige Schiedsgericht für Vereine und Kapitalgesellschaften der Lizenzligen angerufen. Selbst einen Gang zum Europäischen Gerichtshof in Brüssel schließt der 74-Jährige nicht aus.

Rahmenbedingungen schaffen, um frei entscheiden zu können

Heldt warb unterdessen für eine Versachlichung bei dem Thema. „Mich stört, dass es in der Diskussion nur Schwarz oder Weiß gibt, über Grau wird nicht nachgedacht. Da ist viel Populismus im Spiel, Angst – aber auch Fehlinformation“, sagte er. „Dass ein Chinese kommt, einen Fußballverein kauft, die Vereinsfarben und den Namen verändert, dann keine Lust mehr hat und den Laden verkauft – das möchte ich, wie viele andere auch, nicht.“ Was Heldt aber möchte, ist, dass „wir uns Rahmenbedingungen schaffen, um frei entscheiden zu können. Wir berauben uns der eigenen Kreativität und verpassen es, eine Reform so zu gestalten, dass die Fußball-Nostalgie erhalten bleiben kann.“ Die Vereine sollten über eine Mitgliederversammlung „selbst entscheiden, was sie wollen“.

Und Kind glaubt, dass die Bundesliga international weiter den Anschluss verliert, sollte die 50+1-Regel nicht reformiert werden. „Der immer schneller rasende Fußball-Zug rauscht an Deutschland vorbei, die großen Pokale werden woanders in den Himmel gereckt. Ich fürchte, dass es noch schlimmer wird“, sagte er und rechnet weiter mit Fan-Anfeindungen. Ruhig wird es in Hannover wohl wirklich nicht. „Aber das wäre ja auch langweilig“, sagte Heldt und musste lachen.