Heidel über England: „Da entsteht eine Blase“

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Für Schalkes Sportvorstand Christian Heidel ist die Phase kurz vor dem Bundesliga-Start und dem Ende der Transferperiode besonders intensiv. Der 55-Jährige äußerte sich nun zum englischen Kommerz, dem Vorgehen der Gelsenkirchener und dem Zustand des deutschen Fußballs.

„Man wird von morgens bis abends angerufen. Die Berater sind rund um die Uhr im Einsatz und bieten irgendetwas an und das ist sehr zeitaufwendig“, beschrieb Heidel gegenüber dem Deutschlandfunk die letzten Tage des Transferfensters. Das vorgezogene Ende der englischen Transferphase habe dabei vorwiegend einen Effekt: „Die englischen Agenten nerven momentan von morgens bis abends, weil sie wahrscheinlich in England noch 100 Spieler abzugeben haben. Da sind die Mannschaftsgrößen teilweise 30, 40 Spieler.“ Für Heidel entsteht auf der Insel „eine Blase“. „Irgendwann ist da auch mal das Geld alle“, meinte der Ex-Mainzer.

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Der Funktionär räumte ein, dass es immer schmerze, wenn man einen Nachwuchsspieler abgeben muss. „Das ist das Fußballgeschäft. Ich gebe zu, dass da die Romantik teilweise etwas zu kurz kommt, geht mir auch so, aber das zählt heute wenig“, sagte Heidel. Die Einnahmen müssten die Königsblauen in das Nachwuchsleistungszentrum stecken. Von dort stoßen immer wieder Talente zu den Profis, auch wenn der Sportvorstand zugab, dass es „in den letzten zwei, drei, vier Jahren nicht so funktioniert hat“. Umso mehr müsse in der Zukunft in die Infrastruktur der Knappenschmiede investiert werden, denn dort seien die Schalker „weit hinterher“.

Schalkes Sportvorstand kritisiert RB Leipzig

Selbiges gelte für den deutschen Fußball laut Heidel nicht. Er sieht das schwache Abschneiden bei der WM in Russland als „Momentaufnahme“. Auch auf Vereinsebene glaubt der gebürtige Mainzer nicht an tief greifende Probleme: „Wir hatten eine besondere Situation im letzten Jahr in der Europa League. Wir hatten ein ’schlechtes Jahr‘ von Borussia Dortmund. Aber jetzt zu sagen, der deutsche Fußball sei komplett am Ende, dagegen wehre ich mich. Wir haben sicherlich alle Fehler gemacht. Aber jetzt alles infrage zu stellen, das ist so eine deutsche Mentalität, damit kam ich noch nie klar.“

An der Özil-Affäre störte Heidel vor allem die Überspitzung zur Staatskrise. Der Ausgang dieser Auseinandersetzung sei für ihn „völlig klar“ gewesen. Ein Rassismus-Problem sieht er in Deutschland dagegen nicht. Stattdessen positionierte sich der 55-Jährige klar gegen die Abschaffung der 50+1-Regel und kritisierte dabei RB Leipzig: „Wenn ich bei RB Leipzig wäre, würde ich nichts anderes sagen. Das kann ja RB Leipzig komplett egal sein. Es ist auch leicht zu reden, wenn man bei RB Leipzig ist, dass Tradition keine Rolle spielt, wenn Tradition nur fünf oder sechs Jahre alt ist.“

Das Rad der Kommerzialisierung

Generell müsse darauf geachtet werden, das Rad der Kommerzialisierung nicht zu überdrehen. Ein Punkt in dieser Analyse seien die Ticketpreise. „Fußball muss in Deutschland für Familien und junge Leute finanzierbar sein“, sagte Heidel. Bei Stadionbesuchen in England bemerke er immer wieder, wie sich die Stimmung, die Atmosphäre und das Klientel verändert habe: „Das hat für mich mit Fußball nichts mehr zu tun.“ Eine Austragung von Bundesliga-Spielen in den USA, China oder Japan hält der S04-Sportvorstand ebenso für „kompletten Schwachsinn“ und meinte: „Da würde das Rad dann überdreht.“