HSV: Abstieg als Kulmination der Fehlentscheidungen

Was in den vergangenen Jahren oftmals in letzter Sekunde vermieden wurde, ist in der abgelaufenen Spielzeit eingetreten: Der Hamburger SV ist erstmals in seiner Vereinsgeschichte aus der Fußball-Bundesliga abgestiegen. Es ist der traurige Höhepunkt einer jahrelangen sportlichen Misswirtschaft, verbunden mit einer Prise Hoffnung.

19 Niederlagen, 18 Spieltage lang auf einem direkten Abstiegsplatz, nur 29 selbst erzielte Tore, nur acht Saisonsiege – diese Zahlen lassen keine Zweifel daran offen, dass es in der abgeschlossenen Spielzeit für den HSV einfach an der Zeit war, den Gang in die Zweitklassigkeit anzutreten. Zu oft waren die „Rothosen“ in der jüngeren Vergangenheit dem Abstieg im allerletzten Moment noch entronnen, zu oft hatten die Verantwortlichen nach einer solchen Rettung Plattitüden von sich gegeben, im nächsten Jahr werde der Verein sich bessern. Aufschwünge waren jedoch nie von langer Dauer, der übergreifende Abwärtstrend ließ sich schließlich nicht mehr aufhalten. Der Abstieg war das logische Resultat des sportlichen Niedergangs, die Kulmination falscher Entscheidungen, zweifelhafter Personalien und fußballerischer Planlosigkeit.

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Und trotzdem lebt der „Dino“, wenn auch nicht in seiner bisherigen Form, weiter, symbolisiert durch die immer noch tickende Stadionuhr, die nun die seit Gründung des Klubs vergangene Zeit anzeigt. Die Hoffnung darauf, dass der Abstieg nur ein Betriebsunfall sein könnte, den der HSV innerhalb eines Jahres reparieren wird, ist dank der positiven sportlichen Entwicklung unter Trainer Christian Titz im Saisonfinale groß. Der 47-Jährige holte mit den Hanseaten vier Siege aus acht Ligaspielen, genauso viele wie seine beiden Vorgänger in den ersten 26 Bundesliga-Partien. Die Hoffnung, die unter Titz aufkam, war allerdings ein zweischneidiges Schwert: Einerseits nährt sie nun die Aufbruchsstimmung für die zweite Liga, andererseits machte sie den Abstieg noch ein Stück schmerzhafter.

Missverständnis Hollerbach endete fatal

Dennoch ist der Schlussspurt unter Titz die einzig positive Note der abgelaufenen Saison. Markus Gisdol, der den HSV im letzten Jahr vor der Relegation bewahrt hatte, erreichte die Mannschaft nicht mehr. Er musste nach vier Niederlagen in Folge zwischen dem 16. und dem 19. Spieltag seinen Hut nehmen. Daraufhin sollte Bernd Hollerbach die Norddeutschen retten. Der Ex-Würzburg-Coach fokussierte sich auf eine kompakte Defensive, vernachlässigte die Offensive allerdings sträflich. Es war ein Missverständnis, die Hamburger spielten unter Hollerbach kaum Fußball. Nach sieben sieglosen Spielen und einer 0:6-Pleite in München musste auch der Ex-HSV-Profi wieder gehen. Der Zwischenschritt von Gisdol zu Hollerbach, anstatt direkt zu Titz, hat die „Rothosen“ am Ende wahrscheinlich die nächstjährige Erstklassigkeit gekostet.

Es rumpelte aber nicht nur auf der Trainerposition, sondern auch in den höheren sportlichen Ebenen. Die Hollerbach-Entlassung brachte die Freistellung des Direktor Profifußballs Jens Todt und des Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen mit sich. Beide Positionen sind noch nicht adäquat neu besetzt worden. Die Fehler allerdings nur in den Führungsetagen zu suchen, wäre zu einfach. Auch die Spieler auf dem Platz haben über weite Strecken der Saison versagt. Besonders die Offensive zeigte sich zu harmlos: Bobby Wood, der in der vergangenen Spielzeit noch einen erheblichen Beitrag zum Klassenerhalt geleistet hatte, erzielte nur zwei Saisontreffer. Der große Hoffnungsträger Jann-Fiete Arp musste sich in der Endphase mehr mit seinem Abitur beschäftigen als mit dem Kampf gegen den Abstieg.

Saison der ständigen internen Störfaktoren

Hinzu kamen Unstimmigkeiten innerhalb des Mannschaftsgefüges. Sven Schipplock ging mit seinen Teamkameraden nach der 0:6-Niederlage bei den Bayern öffentlich hart ins Gericht und spielte in der Folge keine Rolle mehr. Walace und Mergim Mavraj wurden suspendiert und in die zweite Mannschaft strafversetzt. Auch Abwehrchef Kyriakos Papadopoulos war aufgrund seiner Kritik an der Hamburger Transferpolitik zwischenzeitlich in Ungnade gefallen. Zuversicht verbreiteten in erster Linie junge Akteure, die sich in den Fokus spielen konnten. Tatsuya Itō, Stephan Ambrosius und Matti Steinmann werden in der kommenden Spielzeit mehr Verantwortung tragen und das Gerüst des Projekts Wiederaufstieg bilden.