Kohfeldt auf der Suche nach dem Königsweg

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Lange Zeit ließ Werder-Coach Florian Kohfeldt standardmäßig im 4-3-3 spielen, die einzigen personellen Fragezeichen stellten sich bei der Besetzung der offensiven Flügelpositionen. Mit der Verpflichtung von Nuri Şahin schaffte Bremen sich mehr Möglichkeiten – aber auch mehr Unwägbarkeiten.

In den ersten vier Ligaspielen blieb Kohfeldt seiner bewährten Formation treu: Die Viererkette bildeten Theodor Gebre Selassie, Miloš Veljković, Niklas Moisander und Ludwig Augustinsson, im Drei-Mann-Mittelfeld agierten Philipp Bargfrede auf der Sechs sowie Maximilian Eggestein und Davy Klaassen auf den Halbpositionen davor. Im Angriff war Max Kruse gesetzt, daneben wechselten sich Yūya Ōsako, Martin Harnik, Florian Kainz, Milot Rashica und Claudio Pizarro munter ab. Mit acht Punkten aus vier Spielen fuhren die Grün-Weißen gut, sie belegten Rang vier und setzten die Segel auf Kurs Europa. In den Partien gegen Hertha BSC (3:1) und in Stuttgart (1:2) experimentierte Kohfeldt – mit unterschiedlichen Ergebnissen.

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Şahin ist die unbekannte Komponente, die Kohfeldt in sein funktionierendes Team integrieren möchte. Gegen die Hertha rückte der Neuzugang bei seinem Startelf-Debüt im grün-weißen Dress auf die Sechs und ersetzte Bargfrede, der eine Pause erhielt. Damit aber noch nicht genug: Kohfeldt stellte auch Ōsako, der bislang in der Sturmreihe gesetzt war, auf die Zehn. So ergab sich ein 4-4-2 mit einer Raute im Mittelfeld sowie der Doppelspitze Kruse und Harnik. Das Konzept ging auf: Şahin, Eggestein und Klaassen erarbeiteten sich ein Übergewicht in der Spielfeldmitte, aus der heraus die Norddeutschen dem Hauptstadtklub den Zahn zogen. Kohfeldt zeigte sich sehr glücklich mit dem Auftritt – und forschte dennoch weiter.

Şahin und Bargfrede sollen gemeinsam agieren

Der Coach hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Şahin und Bargfrede gerne gemeinsam auf dem Platz sehen würde. Beim Spiel in Stuttgart am vergangenen Samstag setzte er diese Vorstellung um: Das Werder-Urgestein und der Ex-BVB-Profi standen zusammen in der Startelf. Wer nun aber Bargfrede auf der Sechs und Şahin auf der Zehn erwartet hatte, sah sich getäuscht. Erstgenannter rückte zwischen die Innenverteidiger und bildete mit ihnen eine Dreierkette. Şahin dagegen agierte im Mittelfeld-Zentrum zwischen Eggestein und Klaassen. Der Auftrag des Türken war es, die Kreise des Stuttgarter Spielmachers Daniel Didavi einzuengen. Kohfeldt hatte seine Elf taktisch feinfühlig auf die individuellen Schwächen des Gegners ausgerichtet.

Die Dreierkette war gegen den Doppelsturm des VfB in Überzahl, die beiden Außenverteidiger rückten nach vorne und attackierten die Flügel, die wegen der Stuttgarter Mittelfeldraute anfällig waren. So viel zur Theorie, in der Realität konnten die Bremer das allerdings nicht optimal umsetzen: Kruse und Ōsako wichen vorne oft auf außen, sodass Werder in der Mitte die Durchschlagskraft fehlte. Şahin hatte Didavi im entscheidenden Moment – der Vorarbeit zum 0:1 – nicht im Blick. Nach der Gelb-Roten Karte gegen Miloš Veljković waren Kohfeldts Pläne endgültig über den Haufen geworfen. Der 35-Jährige reagierte und stellte auf ein 4-4-1 um. Kohfeldt ordnete totale Offensive an und brachte Pizarro, Harnik sowie Kainz.

Das taktische Repertoire wird erweitert

Letztlich pokerte er etwas zu hoch: Bremen unterlag dem VfB mit 1:2, obwohl die Gäste über weite Strecken das bessere Team waren. Nach dem Abpfiff zeigten sich die grün-weißen Verantwortlichen trotz der ersten Saisonpleite sehr zufrieden. Die Mannschaft sei auf einem guten Weg. Kohfeldt bewies einmal mehr, dass der Erfolg für ihn nur über eine offensive Ausrichtung zu erreichen ist. Er ließ in Unterzahl auf Sieg spielen, anstatt sich mit einem Auswärtspunkt zu begnügen. Sein Team wies hingegen Flexibilität nach, und dass es auch in unterschiedlichen Systemen dominanten Fußball spielen kann. Kohfeldt kommt seiner Idealvorstellung immer näher – auch wenn er sich gelegentlich darüber ärgern mag, nur elf Spieler aufstellen zu dürfen.