Kohr: „Irgendwann mal einen Titel mit Leverkusen gewinnen“

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

U21-Europameister Dominik Kohr kehrte im vergangenen Sommer zu Bayer 04 Leverkusen zurück. Im Lattenkreuz-Interview spricht der Mittelfeldspieler unter anderem über den anstehenden Saisonstart, die Europa League und langfristige Ziele.

In seiner bisherigen Karriere absolvierte Kohr insgesamt 127 Bundesliga-Spiele für Bayer 04 Leverkusen und den FC Augsburg, erzielte dabei vier Treffer und bereitete zudem sechs Tore seiner Mitspieler vor. Vertraglich ist der 24-Jährige, dessen Marktwert auf fünf Millionen Euro geschätzt wird, noch bis zum 30. Juni 2021 an die „Werkself“ gebunden.

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Herr Kohr, gehen Sie bewusst härter in die Zweikämpfe oder entspricht das einfach Ihrem fußballerischen Naturell?
Ich gehe dahin, wo es wehtut, übrigens auch mir, und möchte meinen Gegenspielern mit einer gewissen Präsenz auf dem Rasen zeigen, dass ich in jeglicher Hinsicht da bin. Ich will meine Mitspieler mitreißen und ihnen zeigen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, dass wir zusammenstehen und es am Ende nur einen Sieger geben darf: uns. Das ist der Gedanke dahinter. Ich will aber niemanden verletzen und habe das zum Glück auch noch nie, auch eine Rote Karte habe ich noch nie bekommen. Dass bei meinem Spielstil mal eine Gelbe Karte dazugehört, ist ja logisch.

Am ersten Spieltag steht gleich das Derby gegen Borussia Mönchengladbach an. Freuen Sie sich, dass die Saison mit einem solchen Paukenschlag losgeht oder hätten Sie lieber einen ruhigeren Start gehabt?
Wir freuen uns alle, dass es wieder losgeht. Gleich ein kleines Derby gegen Gladbach zu spielen, ist ein guter Start. Wir können uns direkt positionieren, wissen danach, wo wir stehen und was wir noch verbessern müssen. Auch wenn wir ein paar Ausfälle haben, wollen wir das kompensieren, eine hoffentlich gute Leistung zeigen und mit drei Punkten in die neue Saison starten.

Wie weit ist die Mannschaft aus Ihrer Sicht vor dem Bundesliga-Start?
Wir sind auf einigen Positionen sicher noch sehr jung besetzt, aber im Vergleich zur letzten Saison wirkt die gesamte Mannschaft reifer. Wir werden in der neuen Saison dadurch viel seriöser auftreten, da bin ich mir sicher. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns in der Vorbereitung in eine gute Verfassung gebracht haben. Die vielen Ausfälle sind natürlich nicht das, was du dir wünschst, aber unser Kader besteht nicht nur aus elf Spielern. In einer Saison sind 18 bis 20 Spieler gefragt, die immer wieder für die anderen einspringen. Von daher werden wir trotzdem unsere Leistung bringen.

Wie muss Leverkusen das Spiel angehen, um in Gladbach möglichst drei Punkte zu holen?
Wir treffen auf einen spielstarken Gegner, der viele technisch starke Akteure aufbieten kann. Wir müssen gewappnet sein. Aber wir haben schon einen Plan für das Spiel. Wir müssen gut stehen, die Null halten und Nadelstiche nach vorne setzen. Wenn wir dann die Chancen haben, müssen wir die Dinger aber auch reinmachen. Ich bin zuversichtlich.

Da Julian Baumgartlinger und die Bender-Brüder zum Saisonstart nicht fit sind, sind Sie quasi gesetzt. Ist das Ihre Chance, sich in der Startelf festzubeißen?
Man wünscht keinem eine Verletzung, schon gar nicht dem Teamkollegen. Vor allem für Baumi (Julian Baumgartlinger; Anm. d. Red.) tut es mir unheimlich Leid, er hat eine sehr starke Vorbereitung gespielt und vielleicht auch zurecht den Vorzug erhalten. Aber an der Situation lässt sich nichts ändern. Ich will meine Leistung auf den Platz bringen, der Mannschaft bestmöglich helfen und versuchen, mich durch meine Physis und Präsenz anzubieten. Die aktuelle Phase ist natürlich eine Möglichkeit für mich, meinem langfristigen Ziel, Stammspieler in Leverkusen zu werden, ein Stück näher zu kommen. Aber das geht ohnehin nur über sportliche Leistungen. Ich kann mir gut vorstellen, noch lange Zeit bei Bayer zu spielen.

Spielen Sie auf der Doppelsechs lieber neben einem weiteren zweikampfstarken Akteur oder einem Spielmacher?
Manchmal ist es gar nicht so verkehrt, wenn du einen spielstarken Spieler neben dir hast. Charles Aránguiz und auch Kai Havertz können die Rolle sehr gut ausfüllen. Ich kann mich dann voll auf die Defensivarbeit konzentrieren und dem Partner davon möglichst viel abnehmen, sodass er sich nach vorne orientieren kann. Das hilft dann nicht nur den Sechsern, sondern der gesamten Mannschaft. Wenn wir zwei defensive Sechser sind, muss man sich gemeinsam mehr im Spiel nach vorne zeigen. Das bringt einen vor allem in der Entwicklung weiter und ist auch keine schlechte Lösung.

Dominik Kohr im Gespräch mit Lattenkreuz-Chefredakteur Christian Bellinger – Foto: Bayer 04 Leverkusen

In der vergangenen Saison nahmen Sie die Rolle des klassischen Rotationsspielers ein. In 18 Spielen standen Sie in der Startelf, allerdings maximal fünf Spiele hintereinander. Könnten Sie sich auch in dieser Saison mit dieser Rolle anfreunden?
Mein Ziel ist es, jedes Spiel von Beginn an zu bestreiten. Das ist doch klar. Wir haben in dieser Saison durch die Bundesliga, den DFB-Pokal und die Europa League viele Spiele, in denen auch rotiert werden muss aufgrund der hohen Belastung. Mir kommt es vor allem zugute, dass mit Lars Bender, Julian Baumgartligner und Charles Aránguiz drei Spieler im Team sind, die auf meiner Position schon einiges an Erfahrung gesammelt haben. Da kann ich mir im Training einiges abschauen, um es auf mein Spiel zu reproduzieren und möglichst gut umzusetzen.

Wie beurteilen Sie die Neuzugänge und deren Integration in die Mannschaft?
Ich denke, dass Neuzugänge bei uns immer sehr gut integriert werden. Wendell kann Paulinho viel helfen, Isaac (Kiese Thelin; Anm. d. Red.) kann mit Jona (Tah; Anm. d. Red.) auf französisch sprechen. Wichtig ist, dass sich neue Spieler vom ersten Tag an heimisch fühlen und entsprechend ihre Leistung abrufen können. Bisher bin ich sehr zufrieden und der Meinung, dass sie uns noch sehr weiterhelfen können.

Das Ziel ist auch in diesem Jahr die Champions League, die in der vergangenen Saison noch verpasst wurde. Trotzdem konnten bis auf Torhüter Bernd Leno alle Leistungsträger gehalten werden. Droht der Aderlass, wenn das Saisonziel in dieser Spielzeit erneut verfehlt wird?
Was nächste Saison wird, kann man jetzt noch nicht sagen. Aber wir sind ja auch dieses Jahr international dabei, auch wenn es für die meisten Außenstehenden „nur“ die Europa League ist. Ich denke, dass dieser Wettbewerb für den Verein und uns als Mannschaft eine Riesenchance ist. Wir werden auf jeden Fall Gas geben und versuchen, möglichst weit zu kommen. In der Meisterschaft wollen wir vorne mitspielen, Druck ausüben und uns für die Champions League qualifizieren. Wir sind letztes Jahr bis ins Halbfinale des DFB-Pokals gekommen. Da haben wir gesehen, was möglich ist, wenn du als Team zusammenarbeitest. Daran wollen wir dieses Jahr anknüpfen. Danach wird sich entscheiden, was mit dem einen oder anderen Spieler passiert.

In der letzten Saison hat Bayer einige Punkte fahrlässig liegen lassen. Wie will die Mannschaft das in diesem Jahr verhindern?
Wir müssen vor dem Tor kaltschnäuziger werden. Mir kommt da immer wieder das Spiel gegen Stuttgart in den Kopf, als wir gefühlt 75 Prozent Ballbesitz hatten und der VfB einen Konter braucht, um das entscheidende Tor zu erzielen. Das war bitter. Aber man hat einfach gemerkt, dass wir in der vergangenen Saison noch zu unerfahren waren. In der Vorbereitung haben wir jetzt aber gezeigt, dass es möglich ist, die Null zu halten und trotzdem vorne die Tore zu machen.

Ist die siebte Meisterschaft des FC Bayern München in Serie zu verhindern?
Ich denke, es wäre ganz gut, wenn mal wieder jemand anderes den Titel holt. Auch wenn man sagen muss, dass die Bayern es in den vergangenen Jahren einfach überragend gemacht haben und zurecht den Titel gewonnen haben. Das will ich gar nicht abstreiten, aber nicht nur für die Zuschauer wäre es spannender, wenn mehrere Mannschaften um den Titel kämpfen. Wir konzentrieren uns auf uns. Aber träumen darf man ja, dass man irgendwann mal einen Titel mit Leverkusen gewinnt. Wir sagen auf jeden Fall nicht, dass Bayern ja eh schon Meister ist. Ich denke aber, dass auch Borussia Dortmund und die TSG Hoffenheim über genug Qualität verfügen.

Nach dreieinhalb Jahren beim FC Augsburg sind Sie im Sommer 2017 zu Bayer 04 Leverkusen zurückgekehrt. Hatten Sie mit Ihrem Jugendverein noch eine Rechnung offen?
Naja, ich habe meine Jugend hier verbracht und mir den Sprung von Augsburg zurück nach Leverkusen einfach zugetraut. Mit der vergangenen Saison war ich persönlich sehr zufrieden. Ich meine, mit 24 Jahren kannst du noch so viel lernen, wenn du jeden Tag hart arbeitest und dir einige Dinge bei den Erfahrenen abschaust. Leverkusen bietet dir als jungem Spieler vor allem den Vorteil, dass der Klub oft international spielt und damit auch die Herausforderung für dich als Spieler wächst.

„Ich bin selbstbewusster auf dem Platz geworden“ – Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Welche Fortschritte haben Sie persönlich und innerhalb der Mannschaft unter Trainer Heiko Herrlich wahrgenommen?
Ich bin selbstbewusster auf dem Platz geworden. Als Team sind wir auf jeden Fall enger zusammengewachsen, vor allem, nachdem es vorletzte Saison nicht so gut lief. Da haben viele Jungs nicht unbedingt vor Selbstvertrauen gestrotzt, aber wir haben auch daraus gelernt und die richtigen Schlüsse gezogen. Wir werden weiter angreifen.

Bayer ist einer der Favoriten in der Europa League. Was trauen Sie der Mannschaft in diesem Wettbewerb zu?
Wir wollen definitiv die Gruppenphase überstehen, danach kommt es vor allem auf die Tagesform und das entsprechende Losglück an. Sicher ist, dass wir Vollgas geben werden. Wenn alles passt, ist für uns in diesem Wettbewerb vieles möglich.

Ihr Vater Harald war zu seiner Zeit ein erfolgreicher Mittelstürmer und auch Ihre Schwester Karoline fühlt sich als vorderste Spitze am wohlsten. Schlummert tief drinnen auch in Ihnen ein Knipser?
(lacht) Als Stürmer würde ich mich zumindest nicht aufstellen. Die Gene kommen zwar immer mal wieder durch, aber meine Stärken liegen eher in der Defensivarbeit. Dennoch ist klar: Ich will mich im Spiel nach vorne verbessern, gerade weil der Spielertyp eines offensivstarken Sechsers nichts Alltägliches ist.

Sie sind U21-Europameister, die Konkurrenz auf Ihrer Position in der A-Nationalmannschaft ist allerdings groß. Machen Sie sich noch Hoffnung auf eine Nominierung?
Das ist natürlich mein großer Traum, keine Frage. Aber es kommt da auch immer ein bisschen auf den Trainer an, ob er deinen Spielertyp für sein System benötigt. Ich konzentriere mich aktuell voll auf meine Leistungen im Verein, hier kann ich mich auf großer Bühne präsentieren. Das will ich bestmöglich nutzen, dann kommt der Rest von ganz alleine.

Woher kommt eigentlich Ihr Spitzname „Hard-Kohr“?
Als ich noch in der zweiten Mannschaft von Leverkusen gespielt habe, habe ich gefühlt in jedem zweiten Spiel eine Gelbe Karte gesehen. Zeitgleich war ich beim Verein auch in der Ausbildung als Sport- und Fitnesskaufmann und im Ticketing, die haben mich so genannt. Das kam aber nie an die Öffentlichkeit, bis Daniel Baier im Trainingslager in Augsburg mal mit einer Kamera und einem Mikrofon unterwegs war und zu jedem Spieler etwas gesagt hat. Ich hatte die Story damals vorher mal der Mannschaft erzählt. Und ja, so kam das dann an die Öffentlichkeit. Passt ja wie die Faust aufs Auge. (lacht)