Kramarić: Traumabewältigung vom Punkt

Am Samstag beendete Hoffenheims Stürmer Andrej Kramarić seine lange Durststrecke vor dem Tor. Ausgerechnet ein Elfmeter ließ den Knoten beim Kroaten platzen. Mit einem verschossenen Strafstoß gegen den FC Liverpool zu Beginn der Saison hatte das Unheil schließlich seinen Lauf genommen.

1055 Minuten ohne Torerfolg ließ der Hoffenheimer Rekordtransfer gegen Hertha BSC (1:1) hinter sich, als er zur 1:0-Führung für die TSG einschoss. Der Jubellauf, zu dem Kramarić anschließend ansetzte, zeigte deutlich, wie schwer die Last auf den Schultern des ehrgeizigen Angreifers gelegen hatte. Den Strafstoß ließ er sich nicht nehmen, stibitzte gar Mitspieler Nadiem Amiri den Ball, den der sich bereits zurechtgelegt hatte. „Es zeugt von Selbstvertrauen, wenn beide unbedingt schießen wollen. Das ist kein schlechtes Zeichen. Sie haben sich schon ausgesprochen, das ist kein großes Drama“, wollte Nagelsmann den kleinen Zwist laut Kicker nicht überbewerten.

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Zumal durchaus Verständnis angebracht ist für Kramarićs unbedingten Drang, den Elfmeter zu verwandeln – denn seine persönliche Flaute hatte ihren Ursprung ausgerechnet vom Punkt. Im Hinspiel der Champions League-Qualifikation gegen den FC Liverpool (1:2) im August scheiterte der TSG-Topscorer der Vorsaison mit einem kläglichen Heber an Simon Mignolet und vergab damit die Chance auf die Führung und einen möglichen Einzug in die Gruppenphase der Königsklasse. Nagelsmann sah bereits im Dezember den Knackpunkt im Liverpool-Spiel. „Da sieht man, welche Nuancen den Fußball beeinflussen können. Wenn er den Strafstoß reinschießt, geht er auch ganz anders in die Saison“, sagte er.

Kramarić mutierte zum Chancentod

Zwar traf Kramarić noch in den ersten beiden Ligaspielen gegen Werder Bremen (1:0) und Bayer Leverkusen (2:2), danach fiel der 26-Jährige aber in ein Loch, das über eine bei Stürmern durchaus normale torlose Phase hinausging. Der kroatische Nationalspieler wirkte gehemmt, die mentale Blockade war ihm auf dem Platz überdeutlich anzusehen. So vergab er im Dezember gegen Hannover 96 (0:2) und im Rückspiel in Bremen (1:1) hundertprozentige Chancen auf eine klägliche Art und Weise, die bis vor einem halben Jahr noch völlig undenkbar gewesen wäre. Nagelsmann hatte nach dem Bremen-Spiel vor drei Wochen beinahe Mitleid mit seinem glücklosen Torjäger. „Ich wün­sche mir für ihn, dass in so einer Ak­ti­on mal der Kno­ten platzt und er ein Tor macht. Dann fällt vie­les leich­ter. Da­nach hat man ge­se­hen, dass er noch mehr ver­un­si­chert war. Das muss raus aus dem Kopf“, wurde er von der Bild zitiert.

Es brauchte also wieder einen Elfmeter, um das Liverpool-Trauma zu bewältigen, das Kramarić fast sechs Monate verfolgte. Nagelsmann registrierte unabhängig vom Tor eine klare Leistungssteigerung bei seinem Sorgenkind. „Andrej hat ein sehr gutes Spiel gemacht, völlig losgelöst vom Elfmeter. Viel besser als in den vergangenen Wochen. Es war auch in der Defensivarbeit von Ádám (Szalai; Anm. d. Red.) und Andrej ein Schritt in die richtige Richtung“, meinte der TSG-Coach. Nicht nur er dürfte hoffen, dass Kramarić seine Krise damit endlich überwunden hat.