Kramarić und der geplatzte Knoten

Andrej Kramarić hat eines der schwersten Halbjahre seiner Karriere endgültig überwunden und ist kaum noch zu bremsen. Der wiedererstarkte Angreifer der TSG 1899 Hoffenheim ist ein Musterbeispiel dafür, welche Rolle der Kopf bei einer Torflaute spielt.

Vor nicht einmal zwei Monaten spielte sich eine Szene ab, die geradezu symbolisch für die Hinrunde des kroatischen Nationalspielers stand. Beim Auswärtsspiel gegen den SV Werder Bremen (1:1) tauchte er völlig freistehend für Torwart Jiri Pavlenka auf und musste eigentlich nur noch zum Siegtreffer einschieben – scheiterte aber kläglich am Bremer Keeper. Ganze fünf Monate wartete Kramarić zu dem Zeitpunkt bereits auf einen Torerfolg. Ein solches Tief hatte er in seiner Zeit bei der TSG zuvor noch nie erlebt. Nur sieben Wochen später sieht die Welt beim Hoffenheimer Rekordtransfer schon wieder ganz anders aus. Seit seinem erlösenden Strafstoß-Tor gegen Hertha BSC (1:1) hat er in jedem Spiel mindestens einmal getroffen, in den letzten fünf Partien erzielte er sechs Tore und gab einen Assist.

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Kläglich vergebene Chancen wie in Bremen oder auch in Hannover (0:2) sind vergessen, stattdessen gelingt Kramarić mittlerweile beinahe alles. Einen Elfmeter, zwei direkt verwandelte Freistöße, einen Abstauber und zwei Kopfballtreffer brachte er zuletzt im Tor des Gegners unter – und präsentierte damit das gesamte Repertoire eines Top-Stürmers. Zudem bereitete er das 2:0 gegen den FC Augsburg durch Serge Gnabry am Samstag exzellent vor. „Ich bin einfach glücklich darüber, wie es gerade für mich läuft“, meinte Kramarić nach der Partie beim FCA lapidar und wollte kein exklusives Geheimrezept für die Leistungsexplosion preisgeben: „Ich habe gerade sehr viel Selbstvertrauen und dann ist es vor dem Tor einfacher. Das geht nicht nur mir, sondern allen Stürmern so“, erklärte er.

Gespräch mit Co-Trainer Matarazzo half Kramarić

Selbstvertrauen, das ihm in den zurückliegenden Monaten lange fehlte. Tatsächlich ist der 26-Jährige ein Paradebeispiel dafür, wie viel Einfluss die mentale Stärke auf die Form eines Stürmers haben kann. Von den Qualitäten Kramarićs war auch während seines Tiefs jeder bei der TSG überzeugt – die hatte er in der Vorsaison als Top-Scorer der TSG mit 24 Torbeteiligungen in 36 Spielen auch eindrucksvoll nachgewiesen. Trainer Julian Nagelsmann verriet laut Kicker, dass man mit „Themen abseits des grünen Rasens“ versucht habe, die psychologische Blockade bei dem fußballerisch hochveranlagten Torjäger zu lösen. Unter anderem soll ein Gespräch mit Co-Trainer Pellegrino Matarazzo dem Kroaten geholfen haben. „Ich habe ihm zugehört und ihm positive Tipps gegeben, wie er zu seiner Leistungsstärke zurückkommen kann“, berichtete der, hüllte sich über den Inhalt der Unterredung aber ebenso in Schweigen wie der Angreifer selbst. „Wir hatten ein Gespräch, aber es ist besser, das für mich zu behalten“, meinte Kramarić nur knapp.

In seiner aktuellen Form ist er Gold wert für die TSG und hat erheblichen Anteil an dem leichten Formanstieg, den der Tabellenachte zuletzt verzeichnete. Das Ziel Europa League haben die Kraichgauer noch nicht aus den Augen verloren, mit einem treffsicheren Kramarić sind die Erfolgsaussichten deutlich größer. Zumal Mark Uth, der in der Hinrunde noch Hoffenheims Torgarant Nummer eins war, seit dem bestätigten Wechsel zum FC Schalke 04 im Sommer seiner Form hinterherläuft. Gnabry, der in Augsburg von der präzisen Vorarbeit seines Sturmkollegen profitierte, brachte es auf den Punkt: „Andrej hatte eine schwierige Phase und jetzt sieht man, was er für diese Mannschaft tun kann, wenn er trifft.“