Kramer und die ungewohnte Bank

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Weltmeister Christoph Kramer ist bei Bundesligist Borussia Mönchengladbach plötzlich nur noch zweite Wahl. Der 27-Jährige ist ein Opfer des Systems von Trainer Dieter Hecking.

Sein Tagebuch ist Kramer heilig, die Erinnerungen rund um den WM-Triumph 2014 hat er sogar im Bank-Safe deponiert. „Wenn ich 50 bin, hole ich das Ding raus und lese das durch. Das wird bestimmt spannend“, sagte der Mittelfeldspieler. Das Kapitel zum Auftakt der Saison 2018/2019 dürfte ihm dann allerdings weniger Spaß machen. Nur 18 Minuten stand Kramer in den ersten fünf Pflichtspielen auf dem Rasen. Sogar als Gladbachs Defensive beim jüngsten 2:4 in Berlin völlig die Ordnung verlor, schmorte er weiter auf der Bank. Eine ganz neue Rolle für den Weltmeister, der bei Trainer Hecking zuvor immer gesetzt war. „Es ist eine ungewohnte Situation für mich, am Anfang der Saison draußen zu sitzen. Das hatte ich bisher noch nicht“, sagte er.

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Kramer wurde vor allem ein Opfer des Systems. Hecking setzt verstärkt auf ein 4-3-3 statt 4-4-2, auf der Position des Sechsers war dabei etwas überraschend Tobias Strobl die erste Wahl. „Das war keine einfache Entscheidung für mich. Chris hat einen absoluten Wert innerhalb dieser Mannschaft. Man hat Christoph Kramer lieber auf dem Platz als auf der Bank“, sagte Hecking. Gegen Kramer sprach wohl auch, dass er zuletzt nicht gerade als Tempomacher unterwegs war. „Rückpass-Weltmeister“ nannte ihn die Bild bereits. Dabei sind die Qualitäten Kramers unbestritten. Kaum ein Bundesliga-Spieler spult auf dem Rasen so viele Kilometer ab wie er, kämpferisch macht ihm niemand etwas vor. „Und spielerisch habe ich auch was drauf, das kommt mir manchmal zu kurz“, sagte Kramer einmal.

Hecking macht Mittelfeldmann Hoffnung

Nun aber muss der Mittelfeldspieler wieder kämpfen – vor allem um seinen Platz in der ersten Elf. „Man muss das akzeptieren, dazu gibt es keine Alternative. Auch beim Training Gas zu geben, ist alternativlos. Das mache ich aber immer. Ich habe ja auch nicht nicht Gas gegeben, wenn ich gespielt habe“, sagte Kramer, der noch im Sommer als gefeierter TV-Experte im Scheinwerferlicht gestanden hatte. Der Gladbacher sei der einzige Weltmeister von 2014 gewesen, der während des Turniers Leistung gezeigt habe, hieß es.

In jenes Scheinwerferlicht will Kramer nun möglichst schnell zurück, und Hecking macht ihm dabei Mut. „Wer ihn kennt, der weiß, dass er die aktuelle Situation annimmt und es nicht kampflos hinnimmt, dass er auf der Bank sitzt. Das gefällt mir“, sagte Borussias Trainer über seinen Dauerläufer. Die eine oder andere Anekdote für das Tagebuch dürfte also schon bald hinzukommen.