Löw nimmt angeschlagenes Team in die Pflicht

Foto: Adam Pretty/Bongarts/Getty Images

Joachim Löw hatte gute Gründe, mit mulmigen Gefühlen nach Berlin zu reisen. Als wäre die Aufgabe in der Nations League mit den Duellen bei Erzrivale Niederlande und Weltmeister Frankreich nicht schon schwer genug, versammelt der Bundestrainer am Dienstag in der Hauptstadt eine in vielerlei Hinsicht geschwächte deutsche Fußball-Nationalmannschaft.

Mit dem formstarken Marco Reus an der Spitze muss Löw für die „sehr wichtigen Spiele“ in der Nationenliga gleich mehrere Ausfälle verkraften. Dazu kommen fast schon chronische Probleme im Sturm und völlig verunsicherte Führungskräfte um Kapitän Manuel Neuer vom kriselnden FC Bayern München. İlkay Gündoğan (Oberschenkel) und Nils Petersen (Schulter) hatte Löw verletzungsbedingt erst gar nicht für den Doppelpack am Samstag (20.45 Uhr) in Amsterdam und drei Tage später in St. Denis (20.45 Uhr) nominieren können. Am Sonntag erklärte Reus wegen Kniebeschwerden seinen Verzicht. Kurz darauf musste Löw als Tribünengast in Freiburg dabei zusehen, wie sich Kai Havertz beim 0:0 mit Bayer 04 Leverkusen eine Knieprellung zuzog. Der 19-Jährige fällt ebenso aus wie Antonio Rüdiger (Leiste). Löw nominierte am Montag Emre Can (Juventus Turin) nach, um neben den drei Torhütern wenigstens noch 18 Feldspieler zur Verfügung zu haben.

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Am schwersten wiegt der Ausfall von Reus, dem in Löws Offensivplan eine Schlüsselrolle zugedacht war. Ohne den Dortmunder dürfte es dem Bundestrainer noch schwerer fallen, seinen Angriff zu beleben. In den vergangenen zehn Länderspielen brachte dieser gerade einmal elf Tore zustande, fünfmal stand die Null auf der falschen Seite – wie beim Start in die Nations League im September gegen Frankreich. Dass Schalkes Null-Tore-Stürmer Mark Uth, der einzige Neuling in Löws Aufgebot, die Lösung sein wird, scheint fraglich. Immerhin zeigte Leipzigs Timo Werner mit seinem Doppelpack beim 6:0 gegen den 1. FC Nürnberg ansteigende Form. Ganz anders die sieben Bayern-Profis in Löws Aufgebot. „Es waren schwierige zehn, 14 Tage“, sagte Thomas Müller am Montag über die Krise beim seit vier Spielen sieglosen Rekordmeister. Der mit der Länderspielpause verbundene Trikotwechsel tue ihm und den Kollegen aber vielleicht ganz gut, meinte Müller.

Ergebnisse gefordert – viel Prestige auf dem Spiel

Der Münchner erwartet einen „harten Wettkampf“ gegen „Oranje“ sowie „Les Bleus“ und sieht die DFB-Elf nach dem WM-Desaster weiter in der Bringschuld gegenüber dem Anhang. „Wir wollen die Leute wieder begeistern und werden alles in die Waagschale werfen“, sagte er. Das öffentliche Training vor 5.000 Fans am Dienstag (17.30 Uhr) soll dazu beitragen. Jetzt, im heißen Herbst in der Nationenliga, seien „Ergebnisse gefordert“, hatte auch DFB-Präsident Reinhard Grindel bereits betont. Löw sieht „viel Prestige“ auf dem Spiel, zudem seien die Begegnungen „richtungweisend für das Abschneiden in unserer Nations League-Gruppe“. Frankreich, das die Niederlande im September 2:1 bezwungen hatte, führt die Dreier-Staffel mit vier Punkten vor der DFB-Elf (ein Zähler) an. Nur der Gruppensieger qualifiziert sich für das Finalturnier im Juni 2019. Der Letzte steigt ab in Liga B – ein weiterer Imageschaden, den der DFB nach dem WM-Debakel tunlichst verhindern will.