Löws WM-Analyse: Schlussstrich unter das Gestern ziehen

Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images

Am Dienstagabend wurde Joachim Löw noch einmal die glorreiche Vergangenheit der deutschen Nationalmannschaft vorgeführt. Beim Abschiedsspiel seines ehemaligen Kapitäns und Weltmeister-Helden Bastian Schweinsteiger schwelgte der Bundestrainer in der Münchner Allianz Arena in Erinnerungen.

Rund 13 Stunden später will Löw an gleicher Stelle einen Schlussstrich unter das Gestern mit dem historischen WM-Desaster von Russland ziehen – und ein Versprechen auf ein goldenes Morgen der DFB-Elf abgeben. Die Kaderbekanntgabe (12 Uhr) für die Länderspiele am 6. September gegen Weltmeister Frankreich und drei Tage später gegen Peru wird ein Neustart mit Blick in den Rückspiegel: Löw, der nach der WM-Pleite laut eines Mitglieds des DFB-Präsidiums „auf Bewährung“ arbeitet, präsentiert zugleich seine Analyse des Scheiterns. Die Erwartungen an ihn sind riesig, nicht weniger als ein Masterplan für den Weg aus der Krise wird verlangt. „Die Nationalmannschaft muss wieder das Aushängeschild werden“, sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß kürzlich. „Das bedeutet: hart arbeiten, arbeiten, arbeiten.“ Löw müsse die DFB-Elf bis zur EM 2020 „wieder in Schwung gebracht haben“, sagte Hoeneß, ansonsten heiße es: „Arrivederci!“ Trotz aller Treueschwüre von DFB und Liga sowie gültigen Vertrags bis 2022.

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DFB-Präsident Reinhard Grindel, der selbst unter Druck steht, erwartet von Löw „tief greifende Veränderungen“. Von den Spielern will er „mehr Einsatz, mehr Bereitschaft, alles zu geben“ sehen – „gepaart mit einer nachvollziehbaren Spielidee“. Beim Abschied vom Ballbesitzmantra soll Löw bestmöglich Weltmeister Frankreich und dessen Mut zur Hässlichkeit als Vorbild dienen. Außerdem wird erwartet, dass Löw – wie von seinem früheren Kapitän Philipp Lahm angemahnt – seinen Führungsstil strafft. Extratouren wie sie Mesut Özil in der Erdoğan-Affäre fuhr oder Toni Kroos im Trainingslager vor der WM gestattet wurden, sollen nicht mehr geduldet sein. Hoeneß will in den kommenden zwölf Monaten „klare Zeichen“ sehen, „ob die Konsequenzen aus dem Debakel gezogen wurden“.

Qualität, um die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Aber ist Löw dafür noch der richtige Mann? Oliver Kahn hat Zweifel. Die Frage sei, ob Löw „der sogenannte Scherbenaufleser ist, ob er das auch kann“. Es wäre klüger gewesen, wenn der Bundestrainer sein Amt aufgegeben hätte, meinte der frühere DFB-Spielführer. „Jetzt steht er vor einer ganz schweren Situation, vor einem Neuaufbau. Eine Situation, die er so gar nicht kennt“, sagte Kahn. Auch deshalb dürfte Löw zunächst hauptsächlich auf bewährtes Personal setzen. Den Kern der Mannschaft bilden weiter die tief gefallenen Weltmeister von 2014 um Kapitän Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Kroos oder Thomas Müller. Bislang sind nur Mesut Özil und Mario Gómez zurückgetreten, İlkay Gündoğan will trotz der Anfeindungen in der Erdoğan-Affäre dabei bleiben. Ein prominentes WM-„Opfer“ dürfte Sami Khedira sein, der erwartete sanfte Umbruch ist die Chance für junge Profis wie Leroy Sané, Kai Havertz, Thilo Kehrer oder Philipp Max.

Löw muss aus dem alten Stamm und den neuen Hoffnungsträgern auch wieder ein echtes Team formen. Die angebliche kulturelle Spaltung zwischen „Kanaken“ und „Kartoffeln“ weist zwar auch er zurück, dennoch sieht Löw in fehlendem Mannschaftsgeist einen Grund für das Scheitern der DFB-Elf. Sportlich, so ergab seine Analyse, sei seiner Auswahl in Russland wenig vorzuwerfen gewesen. Eine Revolution wird daher nicht erwartet, obwohl Löw bei der internen Präsentation seiner Auswertung am vergangenen Freitag auch persönliche Fehler einräumte. Stattdessen gibt es kleinere personelle Korrekturen. Laut Grindel soll „zeitnah“ ein Sportdirektor gefunden werden, als Kandidat gilt nach wie vor Hansi Flick, der das Amt bereits bis Anfang 2017 innehatte. Überdies halten sich Gerüchte über einen Abschied von Löw-Assistent Thomas Schneider und Scout Urs Siegenthaler. Auch die Rolle von Oliver Bierhoff soll neu definiert werden, das Marketing kommt auf den Prüfstand. Der DFB verspricht mehr Fan-Nähe und günstigere Ticketpreise. Dass dem historischen Tief ein neues Hoch folgen wird, davon ist zumindest Schweinsteiger überzeugt. Löw habe „die Qualität, um die richtigen Entscheidungen zu treffen“, sagte er. „Da ist er der richtige Mann.“