Nagelsmann frustriert: „Ich habe zu viele Baustellen gesehen“

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Die Mundwinkel zeigten nach unten, der starre Blick offenbarte tief sitzenden Frust. Als Julian Nagelsmann kurz nach Mitternacht mit dem Laptop unterm Arm in den Mannschaftsbus der TSG 1899 Hoffenheim einstieg, hatte die Laune des Trainers ihren Tiefpunkt erreicht.

Sogar die Polizisten der Motorrad-Eskorte schienen zu merken, dass sie den 31-Jährigen nach dem 2:2 (0:2) in der Champions League bei Olympique Lyon besser nicht ansprechen sollten. Auch bei der Ankunft des Bundesligisten am Donnerstagvormittag auf dem Baden-Airpark war die Gefühlslage Nagelsmanns noch die gleiche – das hatte der Coach zuvor bereits angekündigt. „Ich kann keine Freude entwickeln. Da bin ich ehrlich“, sagte Nagelsmann, der voll auf Sieg gesetzt hatte. „Natürlich ist der Punkt besser als nichts. So bleibt ein Hintertürchen für uns offen. Aber ich bin ein sehr inhaltsgetriebener Trainer – und ich habe zu viele Baustellen gesehen.“

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Mit „Baustellen“ beschrieb Nagelsmann die großen Defensivprobleme seiner Mannschaft, die Lyon eigentlich einen Kantersieg ermöglicht hatten – ein halbes Dutzend hochkarätige Chancen ließen die Franzosen leichtfertig liegen. „Wir sind nicht der FC Barcelona, sondern die TSG Hoffenheim – bei uns ist verteidigen wichtig“, äußerte der Trainer. Mit „Hintertürchen“ spielte er auf die geringe Chance der Kraichgauer an, doch noch das Achtelfinale zu erreichen. Immerhin sorgte ein Rekord dafür, dass die TSG die K.o.-Runde noch nicht ganz aus den Augen verloren hat. Nie zuvor war es einem Team gelungen, einen Rückstand von zwei Toren in Unterzahl aufzuholen. Andrej Kramarić (65.) und Pavel Kaderabek (90.+2) verhinderten am vierten Spieltag das vorzeitige Aus, zuvor war Kasim Adams mit Gelb-Rot vom Platz geflogen (51.). Nabil Fekir (19.) und Tanguy Ndombele (28.) hatten Lyon in Führung gebracht.

„Lyon hätte das Spiel mehrmals killen können“

Nach dem Remis vor 53.850 Zuschauern liegen die Hoffenheimer in der Gruppe F mit drei Punkten auf dem dritten Rang. Für den Tabellenzweiten aus Lyon, der schon beim 3:3 (1:1) im Hinspiel erst in der Nachspielzeit den Ausgleich kassiert hatte, stehen sechs Zähler zu Buche. Spitzenreiter ist Manchester City mit neun Punkten. Schachtar Donezk bildet mit zwei Zählern das Schlusslicht. Für den TSG-Sportchef ist die Ausgangslage vor den ausstehenden Begegnungen klar. „Jetzt geht es darum, im Heimspiel gegen Donezk die Europa League zu sichern – um dann vielleicht noch die kleine Chance auf ein Endspiel bei einem dann schon weitergekommenen Manchester zu haben“, sagte Alexander Rosen. „Die Emotionen nach dem späten Tor dürfen aber den Blick nicht trüben – Lyon hätte das Spiel mehrmals killen können.“

Noch deutlicher wurde Nico Schulz. „Wenn die nicht so blind vor dem Tor gewesen wären, hätten die uns abgeschossen“, äußerte der Nationalspieler. „Wir hatten einfach nur Glück. Deshalb überwiegt bei mir die Enttäuschung über unser Spiel.“ Kevin Vogt wurde von „gemischten Gefühlen“ geplagt. „Ich bin glücklich, aber auch wehmütig – schließlich war alles auf Sieg ausgerichtet“, äußerte der Kapitän. „Aber etwas stimmt uns positiv: Die Chance ist noch da.“