Nagelsmann und die letzte Etappe in Hoffenheim

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Julian Nagelsmann und die TSG 1899 Hoffenheim: Das ist bislang eine beinahe märchenhafte Geschichte. Der Trainer geht in seine vierte und letzte Saison bei den Kraichgauern – und scheint mal wieder einen erfolgreichen Umbruch vollzogen zu haben.

Im Abstiegssumpf hatte Nagelsmann die TSG 2016 übernommen. Nach erfolgreichem Saison-Endspurt inklusive Klassenerhalt führte der heute 31-jährige Fußballlehrer den Klub zunächst zum Rekordergebnis Platz vier und knackte seine eigene Bestmarke ein Jahr später, indem er mit dem Team sogar den Sprung auf den dritten Rang und somit die Champions League-Qualifikation schaffte. 2019 geht die Ära Nagelsmann im Kraichgau zu Ende, der begehrte Trainer-Shootingstar wechselt zu RB Leipzig. In seiner letzten Saison muss er mal wieder die Herausforderung bewältigen, Leistungsträger zu ersetzen und die eigens hochgesteckte Messlatte nicht zu reißen. Die Vorbereitung macht Mut, dass die TSG auch in diesem Jahr eine gute Rolle spielen kann – trotz Dreifachbelastung. Ob es für den Traum vom Titel reicht, den Nagelsmann jüngst öffentlich äußerte, ist fraglich. Eine Wiederholung des Vorjahrescoups ist den Blau-Weißen zuzutrauen.

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Dabei verlor die TSG in Person von Mark Uth und Serge Gnabry große Qualität im Angriff und verpflichtete bislang keinen neuen Hochkaräter für den Sturm. Doch wie so oft in der Vergangenheit zauberte Nagelsmann eine Überraschung aus dem Hut. Der Brasilianer Joelinton, der von seiner zweijährigen Leihe von Rapid Wien zurückkehrte, verblüffte in der Vorbereitung mit starken Leistungen und feierte im DFB-Pokal gegen den 1. FC Kaiserslautern (6:1) mit einem Dreierpack einen perfekten Pflichtspiel-Einstand. Daneben überzeugte Ádám Szalai, der aus seiner Jokerrolle herauswachsen konnte. Neuzugang Ishak Belfodil von Werder Bremen muss dagegen noch Zeit eingeräumt werden.

Vier Leistungsträger verlängern – Team wirkt eingespielter

Trotz der Abgänge zweier Leistungsträger konnten Nagelsmann und Sportdirektor Alexander Rosen den Kader in der Breite qualitativ verstärken. Zugänge wie Leonardo Bittencourt, Vincenzo Grifo, Joshua Brenet und Kassim Nuhu deuteten in der Vorbereitung schon ihr Potenzial an und erhöhen den Konkurrenzkampf auf allen Positionen. Viel wichtiger ist allerdings, dass die TSG in den letzten Monaten gleich mehrere sportliche wie menschliche Säulen langfristig binden konnte. Kerem Demirbay (bis 2022), Andrej Kramarić (2022), Pavel Kadeřábek (2023) und Kapitän Kevin Vogt (2022) verlängerten ihre Verträge allesamt und sollen zukünftig die Achse des Teams bilden. In den Testspielen sowie im Pokal wurde deutlich, dass die Spieler anders als in den Vorjahren bereits vertrauter mit Nagelsmanns komplexen taktischen Anforderungen sind. Viele Akteure sind mittlerweile schon länger unter dem Übungsleiter aktiv und auch die Neuzugänge benötigen größtenteils weniger Anlaufzeit als im Vorjahr, sodass schon eine erstaunliche Harmonie im Team zu erkennen ist.

Die wohl größte Hürde für Hoffenheim wird der Umgang mit der Dreifachbelastung. In der vergangenen Spielzeit scheiterte der Bundesligist früh in der Europa League-Gruppenphase sowie in der zweiten Runde des DFB-Pokals. Der Kader wirkte nicht ausbalanciert genug für drei Wettbewerbe. Nagelsmann will nun weniger kräftig durchrotieren und auf ein eingespieltes Team setzen. Viel größer als die Furcht vor den englischen Wochen ist im Kraichgau allerdings die Vorfreude auf die Champions League. Die Profis brennen förmlich darauf, sich auf der größten europäischen Bühne zu präsentieren, anders als die oft auch ungeliebte Europa League ist die Königsklasse der Traum eines jeden Fußballers. Motivationsprobleme oder internationale Partien im Schongang sind daher nicht zu erwarten. Welche Rolle die TSG bei ihrem Champions League-Debüt spielen kann, wird spannend. Nagelsmann hat immerhin schon mehrfach bewiesen, dass er eine Mannschaft über ihre Grenzen hinaus bringen kann.