Nagelsmanns unerwartete Auswahl in der Offensive

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Nach den Abgängen der Leistungsträger Mark Uth und Serge Gnabry verzichtete die TSG 1899 Hoffenheim darauf, Ersatz vergleichbaren Kalibers zu verpflichten. Statt eines befürchteten Qualitätsschwunds hat Trainer Julian Nagelsmann nun aber ein unverhofftes Luxusproblem in vorderster Front.

Noch im Winter hatte die TSG im Sturm mit Uth, Gnabry, Sandro Wagner, Andrej Kramarić und Ádám Szalai geballte Qualität zur Verfügung. Neun Monate später stehen nur noch die beiden Letztgenannten in Hoffenheim unter Vertrag, Wagner zog es schon im Januar zum FC Bayern München, Gnabry folgte ihm im Sommer, Uth ging zum FC Schalke 04. Insgesamt steuerte das Trio in der vergangenen Saison wettbewerbsübergreifend 53 Scorerpunkte bei – eine Offensivgewalt, die es im Sommer zu ersetzen galt. Die Mittel für einen Königstransfer für den Angriff wären nach dem Erreichen der Champions League wohl da gewesen – TSG-Sportdirektor Alexander Rosen schob derlei Überlegungen aber rasch einen Riegel vor. Neuzugänge „in der Größenordnung von 15 bis 20 Millionen Euro“ seien nicht realisierbar, betonte Rosen und hielt sich an seine Vorgabe. Teuerster Zugang war Innenverteidiger Kasim Adams Nuhu, der für acht Millionen Euro von den Young Boys Bern kam.

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Der Dreifach-Verlust im Sturm wurde hingegen auf den ersten Blick nur unzureichend kompensiert. Für 5,5 Millionen Euro kam Ishak Belfodil, der in der Vorsaison bei Werder Bremen meist nur Reservist war. Dazu gesellten sich mit Leih-Rückkehrer Joelinton und Eigengewächs David Otto zwei „interne Zugänge“ zum Nulltarif. Doch der als Förderer junger Spieler bekannte Nagelsmann kitzelte gerade aus letzteren beiden in der Vorbereitung Höchstleistungen heraus. Otto spielte sich mit Unbekümmertheit und forschem Auftreten in den Vordergrund, Joelinton überraschte mit enormer körperlicher Präsenz und Treffsicherheit. Der Brasilianer stand bislang in allen drei Pflichtspielen in der Startelf, schnürte im DFB-Pokal gegen den 1. FC Kaiserslautern einen Dreierpack und deutete in der Liga trotz fehlenden Torerfolgs seinen Wert als ballsicherer Wandstürmer an.

Joelinton droht die Bank – Nelson erhöht Konkurrenzkampf

Erhöht wurde die Qualität im Angriff aber weniger durch die Neuen, sondern vielmehr durch den Sprung der Etablierten. Rekordtransfer Kramarić traf nach überstandener Zwangspause direkt nach seiner Einwechslung gegen den SC Freiburg (3:1) zum Endstand, der Kroate wirkt durch die Vize-Weltmeisterschaft mit seinem Heimatland und seine Vertragsverlängerung bei der TSG bis 2022 hochmotiviert und könnte der Schlüsselspieler der Saison werden. Einen exzellenten Start erwischte auch Szalai, dem in den vergangenen Jahren meist die Jokerrolle zuteil wurde. Nun erhält er das Vertrauen von Beginn an und zahlte dies bisher mit drei Toren in zwei Ligaspielen eindrucksvoll zurück.

Vor dem anstehenden Auswärtsspiel bei Fortuna Düsseldorf (15.30 Uhr) könnte es nun sogar zu Härtefällen kommen. Kramarić ist wieder fit und drängt in die Startelf, einen Szalai im Torrausch dürfte Nagelsmann kaum auf die Bank setzen. Der logische Leidtragende wäre Joelinton, dem trotz ordentlicher Auftritte ein Bankplatz droht. Möglich wäre aber auch eine Variante mit Kramarić hinter der Doppelspitze. Zusätzlich erhöht wird die Konkurrenz in vorderster Front durch den Last-Minute-Neuzugang Nelson Reiss, der für 500.000 Euro Leihgebühr vom FC Arsenal kam. Der 18-jährige Offensiv-Allrounder zeigt starke Anlagen und soll Druck auf die Etablierten ausüben. Dass der teuerste Zugang für den Sturm, der Algerier Belfodil, noch Anpassungsprobleme hat, fällt aufgrund der gut aufgelegten Konkurrenz kaum ins Gewicht.