Özcan: „Jeder muss wissen, was die Stunde geschlagen hat“

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Nach dem klassischen Fehlstart von Bayer 04 Leverkusen redete wenigstens einer Klartext. Ersatztorwart Ramazan Özcan nahm nach dem 1:3 (1:1) gegen den VfL Wolfsburg kein Blatt vor den Mund und gleichzeitig die Mitspieler in die Pflicht.

„Es fehlen die Gier und die Galligkeit, jeden Zweikampf zu gewinnen“, wetterte Özcan. „Es werden jetzt zur Länderspielpause drei Viertel der Mannschaft weg sein, ich hoffe aber, dass sie mit mehr Spannung zurückkommen.“ So klar und ungeschminkt hat kaum einmal ein Bayer-Profi in der Vergangenheit die Situation analysiert. Dass er mit seinem Eigentor (36.), als Wolfsburgs Yannick Gerhardt von der Grundlinie aufs gegnerische Tor schoss und der Bayer-Torhüter den Ball ins eigene Netz beförderte, die Niederlage eingeleitet hatte, wollte Özcan keineswegs beschönigen. „Jedem kann ein Fehler unterlaufen, auch mir, das werfe ich keinem vor. Aber alle müssen eine Schippe drauflegen“, meinte der 34-Jährige, der wohl letztmalig für die neu verpflichtete Nummer eins Lukáš Hrádecký (Pause nach Kiefer-OP) im Bayer-Tor gestanden hatte.

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Nach der Länderspielpause muss er wieder weichen. Und dann wartet auf den Werksklub kein Geringerer als Rekordmeister FC Bayern München in der Allianz Arena. „Wir beginnen in München wieder bei null, jeder muss wissen, was die Stunde geschlagen hat“, sagte Özcan. Der Leverkusener Schlussmann stellte nach der zweiten Saisonpleite, eine Woche nach dem 0:2 bei Borussia Mönchengladbach, ohne Wenn und Aber die Charakterfrage. Wie schon so oft begann Bayer stark, um dann allerdings ebenso stark nachzulassen und den Gegner wieder ins Spiel zu bringen. Das Führungstor durch den Jamaikaner Leon Bailey (24.) brachte keine Beruhigung. Vielmehr übernahm der Tabellen-16. und Relegationsteilnehmer der vergangenen Saison das Kommando.

Nach Fehlstart stellt sich bei Bayer die Charakterfrage

Die Wolfsburger Treffer zum Sieg durch den Niederländer Wout Weghorst (55.) und den Schweizer Renato Steffen (60.) fielen fast folgerichtig gegen katastrophal verteidigende Leverkusener. „Zwei Niederlagen sind nicht unser Anspruch“, sinnierte Bayer-Coach Heiko Herrlich. Die Charakterfrage wollte der Ex-Nationalspieler explizit nicht der Mannschaft stellen und verwies auf die vergangene Saison, als das Team „nach einer schwierigen Saison“ schließlich noch den Europa League-Startplatz unter Dach und Fach gebracht hatte. Özcan hatte allerdings recht, dass die Körpersprache bei den Bayer-Profis über weite Strecken des Spiels nicht stimmte. Wolfsburg, vielleicht auch beflügelt durch das schwer erkämpfte 2:1 gegen den FC Schalke 04 zum Auftakt, wirkte wesentlich präsenter. Herrlich weiß, dass an den mäßigen Zweikampfwerten in der Defensive gearbeitet werden muss. Und auch, dass sein Stuhl bereits gehörig wackelt.

Entwarnung gab es derweil von Linksverteidiger Wendell. „Es ist nicht ganz so schlimm, die Kapsel ist angerissen. Er muss wohl eine Woche Pause machen, aber kann in zwei Wochen wieder mitwirken“, sagte Herrlich. Wendell war umgeknickt und musste in der 59. Minute ausgewechselt werden. Für ihn kam der Chilene Charles Aránguiz in die Partie.