Werder und die Frage nach dem Limit

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Noch vor zwei Wochen war die Bremer Welt in Ordnung: Werder hatte den FC Schalke 04 mit 2:0 besiegt und war auf den dritten Tabellenplatz vorgerückt. Mittlerweile ist die Leichtigkeit an der Weser ein wenig verloren gegangen. Nach dem 1:2 in Mainz bahnt sich die erste kleine Krise unter Florian Kohfeldt an.

Die Beziehung zwischen Werder und Cheftrainer Kohfeldt war bislang eine beinahe perfekte Liebesgeschichte. Ein junger Coach mit Stallgeruch übernahm den strauchelnden Traditionsverein und brachte ihn wieder in die Spur. Er vermittelte den Norddeutschen die Spielfreude, die seit der Ära Thomas Schaaf verloren geglaubt war. Kohfeldt stabilisierte Werder und sorgte dafür, dass Bremen wieder in Richtung Europa schielt. Doch die Anfangseuphorie droht zu kippen: Nach der ersten Heimniederlage gegen Bayer 04 Leverkusen (2:6) erlebte der 36-Jährige nun erstmals zwei Ligapleiten in Folge. Gut zwölf Monate nach seinem Amtsantritt holt ihn die Realität langsam ein – das verflixte zweite Jahr lässt nicht auf sich warten.

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Werder belegt derzeit den sechsten Rang, die Ausgangsposition ist immer noch vielversprechend. Trotzdem schraubte Kohfeldt schon ein wenig an den Ambitionen. „Wir sind keine Top-Mannschaft. Wir wollen zwar nach Europa – das heißt aber nicht, dass wir es müssen“, meinte der gebürtige Siegener. Kohfeldt mahnt zur Ruhe, weiß aber auch, wo die neuen Probleme liegen: „Sämtliche Dinge, die elementar für unser Spiel sind, waren nicht da. Wir waren weit weg von unserem Limit.“ Von seiner Mannschaft forderte er „1000 Prozent“ und „Schaum vorm Mund“. Auch Geschäftsführer Frank Baumann betonte, dass die Spieler „immer ans Limit gehen“ müssten. Stellt sich nur die Frage, wo dieses Limit an der Weser liegt.

Kohfeldt zum zweiten Mal ausgetrumpft

War die 2:6-Klatsche gegen Leverkusen noch der bedingungslosen Offensive anzurechnen, die Kohfeldt auszeichnet, ließ Werder in den ersten 60 Minuten beim 1. FSV Mainz 05 alle Tugenden vermissen. Trotz der Rückkehr von Niklas Moisander kassierten die Bremer zwei Treffer gegen einen Klub, der in den sechs Bundesliga-Spielen zuvor lediglich ein einziges Tor erzielt hatte. Die Grün-Weißen blieben ihrerseits offensiv blass und gaben laut Baumann eine ungewohnt „pomadige“ Vorstellung ab. Von einer Wiedergutmachung nach der Pleite gegen Bayer war nichts zu sehen. Besonders im Mittelfeld war trotz der Optimalbesetzung mit Philipp Bargfrede, Davy Klaassen und Maximilian Eggestein keine Spur von Dominanz.

Nach der Dreierkette gegen Bayer kehrte Kohfeldt wieder zu seinem präferierten 4-3-3 zurück und wollte für Sicherheit sorgen. Die Mainzer reagierten mit einer manndeckenden Raute auf das Bremer Trio im Mittelfeld und schufen so Überzahl im Zentrum. Bargfrede, Klaassen und Eggestein wurden unter konsequente Einzelbewachung gestellt, FSV-Sechser Pierre Kunde konnte sich dagegen voll auf Max Kruse fokussieren. Kohfeldt konterte kurz vor der Pause mit einer Umstellung auf 4-4-2, die nur bedingt für Verbesserung sorgte. Der Werder-Coach wurde zum zweiten Mal in Serie taktisch überrumpelt und ausgetrumpft. Die Liga scheint sich auf Bremen eingestellt zu haben, Kohfeldt muss eine Reaktion zeigen.

Bremen muss der Trendwende widerstehen

„Seit ich hier bin, war die erste Halbzeit das Schlechteste, was wir bisher gespielt haben. Wir haben keinen Fußball gespielt, keine Zweikämpfe geführt. Das war ganz schlecht“, schimpfte Claudio Pizarro, der in der Schlussphase mit dem Anschlusstreffer zum 1:2 noch mal für Spannung sorgte (78.). Die Leistungssteigerung in der zweiten Hälfte kam deutlich zu spät – Werder muss auch die Mentalitätsfrage stellen. Nach vielen Wochen des stetigen Aufschwungs haben die Bremer nun die erste Mini-Krise unter Kohfeldt erreicht. „Das ist jetzt eine schwierige Situation. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht abrutschen“, meinte Pizarro. Die Bremer müssen Widerstand leisten – gegen die drohende Trendwende und das phlegmatische Auftreten.