Wundertüte Hannover 96 vor schwerer Saison

Foto: Thomas Niedermueller/Bongarts/Getty Images

Die Rolle ist Hannover 96 bereits vertraut: Wie vor der vergangenen Saison werden die Niedersachsen von den Buchmachern auch in diesem Sommer als heißer Abstiegskandidat gehandelt. Auf den ersten Blick stützen personelle Baustellen, ständige Störfeuer und der Verlust von Führungsspielern diese Vermutung. Doch ein zweiter Blick lohnt sich.

Drei Säulen kehrten 96 nach der erstaunlich stabilen Vorsaison den Rücken. Mit Abwehrchef und Publikumsliebling Salif Sané ging der vielleicht wertvollste Spieler zu Vizemeister FC Schalke 04. Zudem müssen die „Roten“ mit Martin Harnik (zu Werder Bremen) und Felix Klaus (zum VfL Wolfsburg) 28 Scorerpunkte ersetzen. Kein leichtes Unterfangen für einen Verein, der traditionell in der unteren Tabellenhälfte angesiedelt ist. Die Last der Abgänge soll deshalb auf mehrere Schultern verteilt werden.

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Die Japaner Genki Haraguchi und Takuma Asano sollen für mehr Geschwindigkeit und Flexibilität in der Offensive sorgen, Letzterer war beim VfB Stuttgart in der zurückliegenden Saison allerdings nur Reservist. Hinzu kommt Stürmer Bobby Wood, der beim Hamburger SV nicht glücklich wurde. Innenverteidiger Kevin Wimmer kommt ohne Spielpraxis von Stoke City, dazu mit Walace ein weiteres ehemaliges HSV-Sorgenkind für das zentrale Mittelfeld. Wenig erstaunlich, dass kritische Stimmen ob der riskanten Transferpolitik laut wurden. Das zwischenzeitlich der Verkauf weiterer Leistungsträger wie Niclas Füllkrug und Ihlas Bebou lanciert wurde, sorgte für zusätzliche Sorgenfalten im 96-Umfeld.

Frühform macht Hoffnung

Rasch galten die „Roten“ wieder als einer der Top-Anwärter auf den Gang in Liga zwei. Auch weil Negativ-Schlagzeilen wie die öffentlichen Querelen um die – letztlich erfolgreiche – Vertragsverlängerung von Trainer André Breitenreiter sowie die Diskussionen um den zuletzt allzu abwanderungswilligen Sportdirektor Horst Heldt die Themenlage beherrschten. Die schwere Verletzung von Abwehrtalent Timo Hübers verursachte zudem einen Engpass in der Innenverteidigung, den es noch zu beheben gilt. Dass zuletzt mit Bebou, Haraguchi und Noah Sarenren Bazee gleich drei Flügelspieler über leichte Blessuren klagten, führte Breitenreiter zudem vor Augen, dass auch die offensiven Außenbahnen Verstärkung vertragen könnten. Während der Trainer gerne noch einen Zugang hätte, sehen Heldt und Präsident Martin Kind auf dieser Position keine Notwendigkeit. Stattdessen soll Senkrechtstarter Hendrik Weydandt aus der U23 mit einem Profivertrag ausgestattet werden.

Doch dafür, dass das neuformierte 96 noch reichlich unfertig erscheinen müsste, wirkt die Mannschaft schon erstaunlich harmonisch. In den Härtetests gegen Udinese Calcio (5:1, 2:1) und Athletic Bilbao (2:0) machten die Niedersachsen einen ebenso starken Eindruck wie im DFB-Pokal gegen den Karlsruher SC (6:0). Die Neuzugänge Asano und Wimmer wirken trotz fehlender Spielpraxis in der Vorsaison schon bestens integriert, auch Walace zeigt sein Potenzial, das er sich in Hamburg durch Undiszipliniertheiten häufig selbst verbaute. Zudem blüht der neue Kapitän Waldemar Anton in seiner Führungsrolle auf, ist mit seinen 22 Jahren schon unumstrittener Abwehrchef. Die Frühform macht Hoffnung, dass 96 ähnlich wie in der Vorsaison überraschen kann. Ein weiterer Pluspunkt könnte das Ende des Stimmungsboykotts der aktiven Fanszene sein, schon in Karlsruhe genossen Spieler und Fans die bessere Atmosphäre auf den Rängen.

Fehlende Kaderbreite bereitet Sorgen

Berechtigte Zweifel bereitet allerdings die fehlende Breite im Kader. Gerade die Flügel und die Abwehrzentrale sind enorm dünn besetzt. Fallen wie gegen den KSC mit Haraguchi und Sarenren Bazee zwei Außenbahnspieler aus, bleiben Trainer Breitenreiter mit der 19-jährigen Nachwuchshoffnung Linton Maina und Bebou nur zwei nominelle Alternativen. Frischer Wind von der Bank ist dann nicht zu erwarten. Gerade die extreme Verletzungsanfälligkeit von Akteuren wie Sarenren Bazee oder in der Abwehr Felipe sollte den Verantwortlichen zu denken geben, ob nicht doch noch nachgebessert werden muss. Gelingt es Heldt bis zum Transferschluss am 31. August noch ein bis zwei echte Qualitätsspieler zu präsentieren, ist Hannover womöglich sogar eine ähnlich sorgenfreie Spielzeit zuzutrauen wie in der Vorsaison. Wahrscheinlicher ist allerdings ein erbitterter Kampf um den Klassenerhalt bis zum letzten Spieltag.